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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-04-01 · 10 (April 1929) · page 14

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
10 (April 1929)
Date
1929-04-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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kommt man zu so feinen psychologischen Gründen, daß man sagen muß: Arbeitsscheu ist kein Begriff. Wir unterscheiden zwei Gruppen: die aktive Oberschicht und die passive Unterschicht. Letztere wird nicht getrieben vom Verstand und Willen, sondern ist ein Opfer ihres Trieblebens. Schwierig ist vor allem die Behandlung der seelisch Bedrückten, die den Mut und den Willen zum Leben verloren haben. Gewöhnung an eine feste regelmäßige \rbeit und an eine feste Ordnung der Tage soll den Willen erwecken: Wir wollen Menschen werden, die durch eigene Arbeit ihr Leben bauen. Es bedarf in jedem einzelnen Fall einer persönlichen Psychoanalyse. Wirtschaftlich bedeutet diese passive Unterschicht oft die leichter zu behandelnden Menschen. Sie bleiben länger und gewöhnen sich an einfache mechanische Arbeiten, eine Reihe von angestelltem Personal wird dadurch gespart, daß wir diese Träger der Tradition haben. Sie füllen die einzelnen Plätze aus mit einer Treue und Zuverlässigkeit, wie es oft eine angestellte Kraft nicht besser machen könnte. So entsteht Befriedigung bei der Arbeit. Dazu kommen die normalen Arbeitslosen, die von der Straße kommen, die eintreten, solange, bis eine Gelegenheit zur Arbeit gegeben wird. Sie leisten mehr als die halben Kräfte, halten aber nicht solange aus. Die stärksten Abgänge sind im März und Juli, weil Frühjahrsarbeiten und später Erntearbeiten die kräftigen Leute anfordern; auch schwächere kommen unter, weil der Landwirt dann alles gebraucht und nicht nach Qualität und Papieren fragt. Die enge Verknüpfung zwischen Wirtschaftsleben und Arbeiterkolonie zeigt sich auch hier. Die Arbeiterkolonie hat ferner eine Reihe von Sanderaufgaben, Fürsorge für Strafentlassene, Trinker, gefährdete Jugendliche, alte Leute. Mit Spezialübergangsheimen, z. B. nur für Strafentlassene, hat man nicht gerade die günstigsten Erfahrungen gemacht. Wenn sie aber in den Kolonien in der Menge der anderen Insassen untertauchen, so weiß niemand, ob sie bestraft sind oder nicht. Wir haben unter 2000 im Jahr Aufgenommenen 700, die durch Bestrafung aus ihren Berufen herausgekommen sind. Die Zahl der Trinker ist größer, als man glaubt. Der Kampf gegen den Alkohol wird mit aller Stärke und Kraft geführt. Die Aufnahme in die Anstalt verpflichtet zur Meidung des Alkohols. Wenn der eigene Wille nicht ausreicht, wird das Ziel durch Entziehung von Bargeld erstrebt. Wesentliche Schwierigkeiten haben wir mit unseren Leuten nicht gehabt. Unsere größte Stärke besteht darin, daß der Eintritt in die Arbeiterkolonie auf Freiwilligkeit beruht. Der Insasse kann austreten, wann er will. Deshalb ist die stärkste Strafe die Entlassung. Die Insassen einer Arbeiterkolonie sind keineswegs einseitig geordnete Menschen, das Leben bringt die Menschen bunt durcheinander gewürfelt. Die Mischung von sozial höheren und niedri- 198

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