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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-04-01 · 10 (April 1929) · page 13

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
10 (April 1929)
Date
1929-04-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Die Lohnforderungen können wir dagegen nicht rein wirtschaftlich behandeln. Man macht uns oft zum Vorwurf, daß der Lohn, der gezahlt wird, keineswegs dem entspricht, was sonst als Tariflohn eines täglich beschäftigten Mannes üblich ist. Wir geben freie Station, billige Kleidung — nicht unentgeltlich, das ist eine Gefahr, die Sachen zu versetzen und unnötig zu vernutzen —, Hilfe in Krankheitsfällen, Ausrüstung bei Arbeitsantritt, Vorschüsse aller Art, außerdem Barlohn von 30—50 Pfg. täglich. Unser Arbeiter hat 50 Pfg. übrig nach Befriedigung seiner notwendigen Lebensbedürfnisse. Der freie Arbeiter hat das oft nicht. Die Arbeitskräfte, die wir haben, sind vom Standpunkt der Wirtschaftlichkeit aus betrachtet keinesfalls durchschnittliche Arbeitskräfte. Für eine reguläre Kraft brauchen wir bei uns 4—5 Kräfte. Bei Beschäftigung Ungelernter kann von einer Rentabilität im Sinne des Erwerbslebens nicht die Rede sein. Die Landwirtschaft und Gärtnerei stößt im November und Dezember alle überflüssigen Arbeitskräfte ab. Wir in unserer Arbeiterkolonie halben deshalb von Dezember an unsere Häuser so voll, daß wir nicht wissen, wie wir dem Andrang begegnen sollen. Wir können die Leute aber im Winter nicht so produktiv beschäftigen wie im Sommer. Alles ist kostspieliger, Nahrung, Kleidung, so daß vom Produktivitätsstandpunkt aus gesehen, die Arbeitskräfte in der Kolonie durchaus teuer sind, eine Folge unseres Grundsatzes: erst der Mensch und dann die Wirtschaft. Wir haben also mit Zuschußbetrieben zu rechnen. Das geht auch aus einem statistischen Vergleich hervor. Es werden rund 40.000 Morgen in den deutschen Arbeiterkolonien bearbeitet, davon 30.000 Morgen »als Aecker. Man braucht in der deutschen Landwirtschaft für je 25 Morgen eine feste, tarifmäßig besoldete Arbeitskraft. Auf 1000 Morgen kommen dann 40 Arbeiter, auf 30.000 Morgen 1200 Arbeitskräfte. Wir halben aber 5000 Insassen beschäftigt, viermal so viel, als wir beim Normalbetrieb brauchten. Wir können also keine tariflichen Löhne geben, weil wir durchaus keine tariflichen Leistungen bekommen. Wir können nur den Lohn geben, der durch die fürsorgerischen Grundsätze bestimmt ist. Die Löhnung ist so gestaltet, daß nach einer befristeten Arbeitszeit ein kleines Betriebskapital vorhanden ist, um eine neue Arbeit »anzufangen. Der Zweck der Arbeiterkolonie war von vornherein, Arbeitslose, Erwerbslose, Obdachlose zu beschäftigen. Aber oft haben wir in stärkerem Maße als erwünscht Zustrom von Erwerbsbehinderten, alten Leuten, geistig und seelisch Beschränkten, der unsere Anstalt häufig sehr belastet. Da wir eine Wohlfahrtseinrichtung sind, ist es unsere Aufgabe, hier gerade denen zu helfen, die am meisten hilfsbedürftig sind. Man hat eine Gruppierung versucht und sich lange Jahre danach gerichtet: gesunde Arbeitslose, Erwerbsbehinderte (körperlich oder geistig) und Arbeitsscheue. Diese Unterscheidung befriedigt nicht. Wir wollen >aus dem Arbeitsscheuen einen Arbeitswilligen machen. Wenn m«an untersucht, warum er arbeitsscheu ist, so 197

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