Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 10 (April 1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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sei. Ganz im Gegenteil! Je besser und persönlicher die Unterkunft ist, umso besser ist auch die Einwirkung auf die Persönlichkeiten, die zu uns kommen. Jeder soll einzeln sein Plätzchen bekommen, wo er mit sich allein ist. In der Stille der kleinen Kabine kann er sich md sich selbst und auf sein Bestes besinnen. Die Tatsache der Einzelunterbringung hat immer wieder einen starken Eindruck gemacht. Es ist wirklich die gesundeste und wertvollste Beeinflussung und Unterbringung. Die Unterkunft sonst muß Freude, Unterhaltung, Abwechslung aller Art bieten können. Die Vorbereitung, die Selbstarbeit bei solchen Veranstaltungen ist das schönste. Dadurch wird vielen Menschen über ihre innerste, persönlichste Not hinweggeholfen. Imponderabilien einer solchen Anstalt gehören zu den wertvollsten Eindrücken, die die Leute mitnehmen. Schöne landschaftliche L/age ist wertvoll. Essen, Kleidung usw. müssen in Ordnung sein. Oft sind diese ersten und einfachsten Grundsätze vergessen worden. Die Arbeitsgelegenheit gestaltet sich verschieden n<ach dem Umfang der Kolonie. Eine kleinere Kolonie von 30 bis 40 Plätzen kann mit ihren Arbeitseinrichtungen nicht gerade sehr mannigfaltig sein. 20 Mann werden in Garten und Landwirtschaft, 10 Mann in Nebenbetrieben, im Haus, als Schuster,, als Schneider beschäftigt werden können. Hoffnungstal mit seinen 400 Plätzen hat ganz andere Möglichkeiten der Beschäftigung. Neben Gärtnerei und Landwirtschaft werden 150 Leute in Hausbetrieben, in Werkstätten aller Art beschäftigt. Jedes Handwerk ist vertreten und beschäftigt 3, 4 oder 5 Personen. 10—15 Leute arbeiten in Büros. Auch der Versand von Obst, Gemüse und Früchten spielt in größeren Anstalten eine Rolle. Kaufmännische Angestellte übernehmen diese Tätigkeit besonders gern. In Gnadental sind die alten Leute untergebracht. Die Arbeit der Alten ist oft besonders treu. Mannigfaltigkeit, Stufenfolge, die man in die Arbeit hineinbringen kann, sind ein lebensförderndes Moment, für das ich nicht genug dankbar bin. Wenn manche kleine Arbeiterkolonie in Deutschland unbeliebt ist, so ist das darauf zurückzuführen, daß die ersten fürsorgerischen Gesichtspunkte nicht beachtet sind. Menschen, die immer dasselbe zu machen haben, sehen keinen Fortschritt und verbittern. Gärtnerische Arbeit wird bevorzugt. Sie verlangt allerdings eine Voraussetzung, die bei der Gründung einer Arbeiterkolonie beachtet werden muß: die Möglichkeit eines täglichen Absatzes. Die Kolonie muß also geographisch so liegen, daß der Absatz billig möglich ist. Wer weite Wege machen muß, verliert die etwaigen Reingewinne schon auf dem Transport. Eine Arbeiterkolonie müßte also günstig etwa zu Berlin liegen. Dadurch ergibt sich eine bequeme Verbindung auch zu dem Wohlfahrtsamt und anderen Einrichtungen des öffentlichen Lebens. Hier decken sich wirtschaftliche und fürsorgerische Forderungen. Die Wirtschaft hat ihre eigenen Forderungen, die man nicht verachten darf. Auch die Arbeiterkolonie muß von wirtschaftlichen Gesichtspunkten geleitet sein. 196