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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-04-01 · 10 (April 1929) · page 11

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
10 (April 1929)
Date
1929-04-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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zu arbeiten. Aus den Kreisen der Intellektuellen, Künstler und Beamten 500, aus dem Handel und den sogenannten gebildeten Kreisen zusammen also rund 1300. Die Statistik über Erfahrungen mit dieser Gruppe kann nicht ganz genau sein, da gerade von diesen Menschen sich viele nur kurz in den Kolonien aufhalten. Ich kann diese Zahlen aber durch die der Hoffnungstaler Anstalten ergänzen. Wir haben dort ganz besonders viel Intellektuelle, nämlich 100 «auf 650 Insassen. Ich rechne in diese Zahl alle Menschen, die etwa die Sekundareife erreicht haben, ohne damit einen Bildungsmaßstab anlegen zu wollen. Auch von diesen kann ich aber sagen, daß sie sich zum großen Teil gern in der Landwirtschaft und Gärtnerei betätigt haben. Dazu kommt, daß zu einem großen Prozentsatz persönliche Defekte, unsoziale Handlungsweise und nicht einfache Erwerbslosigkeit bei ihnen vorliegen. Aber gerade diese persönlichen Mängel werden durch Arbeit in der Landwirtschaft und Gärtnerei am allerbesten geheilt. Wenn unter dem Strom der zirka 6000 jüdischen Wanderer, die Sie gezählt haben, der weit größere Teil wohl dem Handel angehört, so wird auch von diesen ein kleiner Teil fähig und bereit sein, in der seelisch heilenden Landwirtschaft und Gärtnerei sich zurecht zu finden. Die Zusammenhänge zwischen dem Wirtschaftsleben und der Arbeiterkolonie zeigen sich auch darin deutlich, daß wir bei einer steigenden Arbeitslosigkeit sofort einen verstärkten Zudrang zu den Kolonien haben. Das wird besonders deutlich, wenn man die Zahlen von 1907—08 mit den heutigen vergleicht. Wir leisteten im Jahre 1907 857.000 Arbeitstage, bei der Krise des nächsten Jahres 1,100.000, jetzt 1,400.000. Wir sehen, daß die wirtschaftliche Lage in Deutschland dazu beiträgt, die Ziffern weiter steigen zu lassen. Das Gleiche zeigt sich darin, daß der meiste Zudrang zu den deutschen Arbeiterkolonien aus den Provinzen kommt, die besonders schwer unter Wirtschaftskatastrophen oder unter besonders ungünstigen politischen Verhältnissen leiden. Wir haben den stärksten Zustrom aus Schlesien, der Rheinprovinz, Westfalen. Dann folgt Berlin und Brandenburg. Diese Angaben sind nach dem Geburtsort, nicht nach dem gewöhnlichen Aufenthalt errechnet. Man wird sagen können, daß die meisten heute aus Berlin und Umgebung hineinströmen. Ethische und sittliche Nöte wirken sich in der Großstadt immer am stärksten aus. Der Zusammenhang zwischen Arbeiterkolonie und Wirtschaftsleben ist demnach ganz klar und deutlich. Arbeiterkolonien sind die Staubecken für die flutende Masse der Arbeitslosen, die arbeitslos und stellungsuchend im Land umherziehen. Ich will ihnen nun das Bild einer Arbeiterkolonie etwas deutlicher machen. Das erste ist also der Mensch. Die erste Anforderimg ist deshalb: die Unterbringung der Menschen so zu gestalten, daß sie den menschlichen und den modernen fürsorgerischen Ansprüchen genügt. Es ist eine verfehlte Ansicht, daß für Leute dieser Art auch die schlechteste Unterkunft gerade gut genug 195

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