Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 10 (April 1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Erwerbsbetrieb mit möglichst wenig Menschen auskommt. Ferner muß die Kolonie im Winter die meisten Menschen aufnehmen, wenn das Wirtschaftsleben die überflüssigen Kräfte entläßt. Wir haben die Lösung dieser Aufgaben nach allen Seiten hin überprüft und als beste Möglichkeit für unsere deutsche Wanderfürsorge die Landwirtschaft und Gärtnerei gefunden, im Zusammenhang mit Melioration s arbeit. Die Landwirtschaft erfordert in ihren Handgriffen keine starke technische Vorbildung, wohl in ihrer Leitung. Ebenso sind die in der Gärtnerei zu leistenden Handgriffe verhältnismäßig leicht, so daß auch der Ungelernte sie leicht und gern versehen kann. Es gilt ferner, den zum Teil asozialen Menschen und denen, die unter dem Gefühl der Minderwertigkeit leiden, solche Arbeit zu bieten, die sie seelisch hebt und stärkt und ihnen innerlich hilft, also eine Arbeitstherapie zu treiben, die den innerlich zerbrochenen Menschen heilt. In der Gärtnerei können wir einen letzten Paradiesrest erblicken, der fähig ist, den Menschen verlorene Kräfte wiederzuschenken. In der Statistik der Lebensdauer der menschlichen Berufe steht die Geistlichkeit an erster, die Gärtnerei an «weiter Stelle, an dritter die Landwirtschaft, an vierter das Handwerk, an letzter Schlächter, Gastwirte und Brauer und an allerletzter Bettler und Vagabunde. In Hoffnungstal versuchen wir also, beide Extreme zu verbinden und die sittlichen und körperlichen Kräfte der jüngsten Berufe denen zur Hebung ihrer Lebenskraft zu vermitteln, die ihrer am meisten bedürfen. Die Meliorationsarbeit ist deswegen nötig, weil zu manchen Jahreszeiten, besonders im Winter, Herbst und frühen Frühling die Häuser überfüllt sind und wenig Arbeit gegeben werden kann. Dann aber bietet die Melioration ausreichende Gelegenheit, um alle neu ankommenden Menschen zu beschäftigen. Sandboden rigolen, Hügel abtragen, Gräben ziehen, nasse Wiesen überlanden, Straßen bauen, das alles sind Arbeiten, die wir besonders im Winter ausführen müssen. Infolgedessen haben die deutschen Arbeiterkolonien einen umfangreichen Landbesitz erworben und auf einem Gebiet von 40.000 preußischen Morgen schon etwa 20.000 melioriert. Die Hände von Bettlern haben hier einen volkswirtschaftlichen Wert geleistet, der nicht zu unterschätzen ist. Das Referat soll auf die Frage zugespitzt werden, ob diese Arbeit auch geeignet ist für den jüdischen Wanderer. Ich kann das natürlich nicht ohne weiteres beurteilen und weiß nicht, ob bei ihnen nicht eine andere Einstellung zum Grund und Boden vorhanden ist als bei dem deutschen Wanderer. Vielleicht ließe sich das von der Berufsfrage aus klären. 1927 hatten wir in den deutschen Kolonien aufgenommen rund 16.000 Menschen, unter diesen waren 5600 sogenannte ungelernte, dann 2500 aus Landwirtschaft und Gärtnerei, also gelernte Kräfte, 925 aus dem Baugewerbe, aus dem Handel 778, eine verhältnismäßig kleine Zahl. Die Industriearbeiter stellten 4000, also ein überwiegender Prozentsatz von Arbeitern, die gewohnt sind, manuell 194