Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 10 (April 1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE BEDEUTUNG DER ARBEITERKOLONIE Von PASTOR BRAUNE, Geschäftsführer des Zentraiverbandes deutscher Arbeiterkolonien, Hoffnungstal Zunächst möchte ich meiner Freude darüber Ausdruck ^eben, daß ich wieder in diesem Kreise mitraten darf. Die Struktur 3er jüdischen Wanderfürsorge ist zwar eine andere als die der christlichen. Aber es gibt doch soviel gemeinsam« Probleme, daß wir auf beiden Seiten dankbar für Anregungen zu ihrer Lösung sein können. Wenai mir heute das Thema „Die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Arbeiterkolonie" gestellt ist, muß ich auf einen ganz besonderen Zweig der Arbeitsfürsorge eingehen. Es sind uns im vorhergehenden Referat die weitschauenden Gesichtspunkte -der Arbeitsfürsorge klar gezeigt worden, und mtan könnte wohl sagen, daß es in jedem Fall das beste wäre, einem Arbeitslosen oder durch sonstige Umstände arfoeitsbeschränkten Menschen auf einem der gezeigten Wege den Rückgang in das Wirtschaftsleben wieder zu verschaffen. Aber Sie wissen, daß sowohl in Ihrer wie in unserer Arbeit immer ein Rest von Menschen übrig bleibt, den wir nicht in das Gebiet der Arbeitsfürsorge einreihen können. Und so haben sich die Arbeiterkolonien, deren Geschichte fast 50 Jahre alt ist, als besonderes Ziel gesteckt, die Menschen, die durch persönliche oder wirtschaftliche Hemmungen monate- und jahrelang gehindert sind, in das Wirtschaftsleben und Erwerbsleben hineinzukommen, in besonderen Kolonien zu sammeln, bis sie wieder den Weg ins Wirtschaftsleben finden. Pastor Bodelschwingh hat diese Aufgabe mit den Worten „Arbeit statt Almosen" formuliert, wir könnten dies heute moderner ausdrücken mit „Arbeitsfürsorge statt Unterstützung". Bodelschwingh hat ganz unproblematisch, seinem Wesen entsprechend, die Einrichtungen geschaffen, die sich ials Ziel gesetzt haben, in einem möglichst kleinen Gebiet möglichst viele Menschen zu beschäftigen, Menschen, die nicht in einer besonderen Berufsarbeit ausgebildet sind, sondern aus allen Berufsarten kommen und bei uns Arbeit, Verpflegung und Führung erhalten sollen. So sind es jetzt 55 Arbeiterkolonien geworden, die heute etwa 7000 Plätze haben. Seit 1924 sind 12 Arbeiterkolonien mit 1500 Betten gegründet worden, so daß auch in modernster Zeit die Methoden der Arbeiterkolonie durchaus (anerkannt worden sind. Ich möchte Ihnen eine kleine Gesamtübersicht der Arbeiterkolonie nach wirtschaftlichem und sozialem Gesichtspunkt geben. Zwar heißt innerhalb der Arbeiterkolonie stets die Losung „Er s t der Mensch und dann die Wirtschaf t", und alle Einrichtungen der Kolonien, die ihre Aufgabe fürsorgerisch richtig erfaßt haben, werden immer von diesem Gesichtspunkt geleitet sein. Doch möchte ich, dem Thema folgend, erst die Wirtschaft behandeln., Es gilt, in der Arbeiterkolonie eine Wirtschaftsform zu finden, die darauf eingestellt ist, möglichst viel Menschen in «einem Betrieb zu beschäftigen, wohingegen der produktive 193