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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-04-01 · 10 (April 1929) · page 8

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
10 (April 1929)
Date
1929-04-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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die Arbeitsfürsorge die Aufgabe, sich all der Kräfte anzunehmen, die sich durch persönliche Hemmungen in den Wirtschaftsprozeß nicht einfügen können. Gerade bei den Juden sind viele geistige und körperliche Kräfte verkümmert,, weil keine Möglichkeit der Ausbildung gegeben war. Die Arbeitsfürsorge wird ihr Arbeitsgebiet erweitern müssen in bezug auf persönliche Behandlungsformen durch eine enge Verbindung mit Arzt und Psychologen. Gerade bei den jüdischen Arbeitsgehemmten sind Schüchternheit, Zurückgedrängtfühlen u. a. m. Hemmungen, die psychisch beeinflußt werden können, und für die gerade während der Arbeitsfürsorge die Möglichkeit gegeben ist, gelöst, gelockert und bis zu einem gewissen Grade geheilt zu werden (Seelische Entkrüppelung). Diese weitreichenden Aufgaben der Arbeitsfürsorge verlangen zu ihrer Verwicklichimg umfangreiche Geldmittel im Rahmen der Wohlfahrtspflege. Berlin hat in dem Voranschlag seines Haushaltsetats für 1929/30 für Wohlfahrtspflege ausschließlich der Gesundheitsfürsorge ein gutes Drittel seiner Ausgaben, nämlich 180 Mill. Mk., eingestellt. Das muß nicht nur erwähnt werden, um den jüdischen Gemeinden, denen man häufig den Vorwurf macht, daß sie verhältnismäßig geringe Mittel für die Wohlfahrtspflege in den Etat einsetzten, ein Beispiel vor Augen zu führen, sondern auch noch aus anderen Gründen. Man muß angesichts der großen Rolle, die die Wohlfahrtspflege spielt,, fragen: Kann die Wirtschaft eine solche Ausgestaltung der Wohlfahrtspflege überhaupt tragen? Ferner: Liegt es im Interesse der Wohlfahrtspflege, in diesem Maße Ausgaben zu machen, die letzten Endes auch von den Steuerzahlern getragen werden müssen? In der Praxis der Wirtschaft und der Wohlfahrtspflege haben wir immer wieder die Erfahrung gemacht, daß die Tatsache der wirklich ausgebauten planmäßigen Wohlfahrtspflege finanziell entlastend ist. Sie bereichert die Wirtschaft, indem sie ihr Arbeitskräfte zuführt, die geeignet sind, die Produktion zu fördern. Die planvolle Fürsorge, wie sie die Arbeitsfürsorge darstellt, ist sowohl wirtschaftswie wohlfahrtsf ordernd; sie kann nur in einer Symbiose von Wirtschaft und Wohlfahrt gedacht werden. Allerdings nur dann, wenn sie sinnvoll angewandt wird, wird sie Erfolg haben. Nur dann wird sie auch über die Wirtschaft und Wohlfahrt, die im Grunde nur Einzelgebiete im Leben eines Volkes sind, hinausgehen, das ganze Leben, die Kultur eines Volkes beeinflussen können. Diese Gedanken sind schon vor mehreren Jahren auf der jüdischen Welthilfskonferenz in Karlsbad ausgesprochen worden. Bei der Arbeitsfürsorge handelt es sich um eine Selbsthilfe des ganzen jüdischen Volkes, nicht um Wohlfahrtspflege noch um caritative oder philantropische Maßnahmen. Arbeitsfürsorge gibt die Möglichkeit besserer Lebenshaltung und Lebensgestaltung, bestimmt die Form jüdischer Lebensmöglichkeit innerhalb der jüdischen Volksgemeinschaft überhaupt. 192

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