Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 10 (April 1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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der Mensch nicht nur als Wirtschaftsobjekt zu betrachten, sondern als Glied der Gemeinschaft, die für ihn verantwortlich ist. Die Befähigung zur Arbeit ist eine Forderung» die wir von der allgemeinen, öffentlichen Fürsorge übernommen haben. Schon in der Reichs-Fürsorgepflichtverordnung und in den Reichsgrundsätzen zur Fürsorgepflichtverordnung ist in dem zu gewährenden notwendigen Lebensbedarf Erwerbsbefähigung Jugendlicher und Erwerbsbeschränkter eingeschlossen. Infolge dieser gesetzlichen Bestimmungen besteht die Möglichkeit weitgehender Finanzierung der Berufsausbildung in der Jugendfürsorge. Darauf muß die Oeffentlichkeit immer wieder hingewiesen werden. Mit dieser gesetzlichen Grundlage ist auch für die jüdische Bevölkerung sehr viel mehr zu erreichen, als das bis jetzt der Fall war. — Erwerbsbefähigimg bedeutet zunächst nicht Berufsausbildung, sondern Ertüchtigung des Körpers zur Ausübung des Berufes. Das gilt insbesondere für diejenigen, die schulentlassen, aber noch nicht berufsreif sind. Man darf dabei nicht vergessen, daß der Kreis dieser vermindert erwerbsfähigen berufsentlassenen Jugend, der in der Kriegszeit geboren und aufgewachsen ist, sehr groß ist, daß sie in häufigen Fällen berufsbehindert von der Schule entlassen wird. Haushaltsjahre in Landheimen, viertel jahrelange Verschickung, das sind Formen der Berufsfürsorge,die in unserer jüdischen Fürsorge noch zu wenig beachtet sind. Die zweite Form der Arbeitsfürsorge befaßt sich mit der Uebung der Kräfte der Arbeitslosen. Diese produktive Fürsorge erhält die Kräfte von gesunden Menschen, sie kann sie unter Umständen nach vielen Seiten entwickeln. Hier fehlen in großem Umfang die Leistungen der jüdischen Arbeitsfürsorge. Sie kann Leistungen vollbringen durch Arbeitsbeschaffung und durch Umschulung. Die jüdischen Gemeinden können durch planmäßige Verteilung von Aufträgen bewirken, d^ß Arbeitskrisen in gewissem Umfang begegnet werden kann, indem sie Aufträge besonders zu den Zeiten vergeben, in denen es gilt, die Arbeitskräfte zu erhalten und zu üben, die durch zu ällige Arbeitslosigkeit in Gefahr sind, ihre Arbeitskraft zu verlieren. Arbeitsprogramme sind in Gemeinschaft mit der Hauptst-lle für jüdische Wanderfürsorge und ihren Unterorganisationen im Reich zu überlegen und aufzustellen. Ein weiteres Mittel zur Uebung der Kräfte ist die Umschulung. Sie hat für den Juden eine besondere Bedeutung. Bei uns in Deutschland ist die Auswahl im Beruf, vielleicht infolge des Berechtigungswesens, sehr eng. Wer durch Virtschaftskonjunkturen aus seiner Arbeit herausgeworfen wir^, hat es sehr schwer, in verwandten Berufen zu arbeiten. Der Ju-^e ist im Grunde, vielleicht infolge seines Schicksals, sehr anpassungsfähig. Es ist daher seine Ausbildung elastischer und viel ~'^ger zu gestalten, um dadurch den Einstieg in das Wirtschaft leben zu erleichtern. Neben Entwicklung und Erhaltung der Arbeitskraft hat 191