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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-03-01 · 9 (März 1929) · page 19

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
9 (März 1929)
Date
1929-03-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Schwerer ist die Beurteilung des am Beginn der Reife stehenden Jugendlichen für die Zukunft. Die von der modernen Medizin aufgestellten leibseelischen Konstitutionstypen (Sigaud, Kretschmer) sind gerade in diesem Alter zu wenig ausgeprägt, überschneiden sich zu oft, als daß wir sie mit Nutzen zur Massenberatung heranziehen könnten. Aber andererseits haben wir doch gerade durch unsere Arbeit im Berufsberatungsamt gelernt, daß man die vererbten Konstitutionsbedingungen auch nicht überschätzen darf. Das Massenexperiment der Kriegsnot hat uns gezeigt, daß selbst tiefgehende konstitutionelle Unterschiede weit übertönt werden von übermächtigen sozialen konditioneilen Faktoren. Wir sehen von Jahr zu Jahr nach dem Kriege, daß sich mit der Besserung der Wirtschaftsnot Körpergröße, Köperkraft und Ernährungszustand heben, daß wir also in der Lage sind, von ganz extrem abgearteten Typen abgesehen, durch günstige Milieugestaltung — und die Berufsarbeit ist einer der mächtigsten Milieufaktoren! — auch minderwertigen Genotypen zu einem erträglichen Dasein im Berufe zu verhelfen. Intuitive Betrachtung des Gesamtorganismus, genaue körperliche Untersuchung, Funktionsprüfung der wichtigsten inneren, Bewegungs- und Sinnesorgane, kombiniert mit den Ergebnissen einer eingehenden, womöglich auf objektive Daten früherer ärztlicher Beobachtung gestützten Anamnese, unter voller Berücksichtigung der familiären und sozialen Verhältnisse — all das verschafft uns eine tragfähige Grundlage zur Beurteilung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Der Psychotechniker prüft mit seinen Methoden die geistigen Fähigkeiten, wie Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit, Kombinationsgabe, Handgeschicklichkeit, räumliches Vorstellungsvermögen, technisches Verständnis u. a. Beide zusammen stellen die Berufseignung fest. Diese wird den von der Berufskunde gelieferten Normen gegenüber gehalten, und so wird endgültig die Berufswahl getroffen. Freilich muß hier eine Warnung ausgesprochen werden: wir dürfen die Ergebnisse der ärztlichen wie der psychotechnischen Prüfung nicht einseitig überschätzen. Ausgesprochene, besondere Begabungen müssen berücksichtigt werden, auch wenn ernste ärztliche Bedenken dagegen sprechen. Freilich, mit singulären Erscheinungen, wie den Otosklerotikern Beethoven und Smetana, dem Astigmatiker Greco braucht man im Alltag nicht zu rechnen, aber es gibt doch, wenn auch nicht gar zu häufig, Fälle, wo selbst beträchtliche natürliche Schranken durch eine besondere stetige Energie des betreffenden Menschen überwunden und außerordentliche Leistungen produziert werden. Derartige Begabungen kommen oft schon recht frühzeitig zum Vorschein, so daß solche Kinder nicht nur mit einem lebhaften Berufswunsch, sondern auch mit einem klaren Berufsbild vor den Berater treten, ja oft über alle Schwierigkeiten medizinischer und sozialer Art genau Bescheid wissen. Bei solchen Begabungen hat der Arzt zu schweigen und alles zu tun, um dem Kinde die Ausübung des Berufes eu er- 171

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