Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 9 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Beurteilung von Jugendlichen, die im Entwicklungsalter stehen, würde dem Berufsberatungsarzt allerdings wesentlich erleichtert, wenn er über ihr Werden im einzelnen unterrichtet wäre, wenn er auf die fortgesetzte Beobachtung von Haus- und Schularzt zurückgreifen könnte, die am besten in Form eines Gesundheitspasses das Kind vom ersten Lebenstag ab begleiten müßte. Auch Schilderungen von Eltern und Lehrern können wir wertvolle Aufschlüsse verdanken, obwohl wir oft bestürzt sind darüber, wie große Fehler in der Beurteilung der ihnen anvertrauten Kinder diese Menschen machen, wie sie grobe Gebrechen, Farbenblindheit, Schwachsichtigkeit, Schwerhörigkeit, Lähmungen übersehen und dem Kinde sein physisches Unvermögen als bösen Willen auslegen. Auch die Betrachtung der Familie des zu Beratenden kann uns manchen Fingerzeig geben, sowohl was den Genotypus wie was das Milieu anbelangt. Mit der Hauptschwierigkeit der ärztlichen Beratung, der Beurteilung der gegenwärtigen und zukünftigen Leistungsfähigkeit, müssen wir uns trotz aller Schwierigkeiten notgedrungen auseinandersetzen. Wir können uns nicht auf den fatalistisch-bequemen Standpunkt des Ignorabimus zurückziehen und erklären, jede Beratung sei eine Anmaßung, da wir die im Menschen schlummernden vererbten Anlagen niemals völlig würden erfassen können. Wir glauben doch, daß die jüngste Entwicklung der Medizin, die ja überhaupt auf eine engere Berührung mit dem praktischen Alltagsleben hindrängt, der Berufsberatung stärkste Hilfe leisten wird. Läuft sie doch darauf hinaus, gerade den Besonderheiten des Individuums, seiner persönlichen Reaktionsweise gerecht zu werden, körperlich wie psychisch, in ihrer erblich-konstitutionellen wie in ihrer sozial-konditionellen Bedingtheit. Wir lassen uns in der Klinik bei der Beurteilung eines Organs nicht mehr nur durch die pathologisch-anatomisch faßbaren Veränderungen, etwa der Lage, Größe, Gestalt usw., oder durch scheinbar pathognomonische Einzelsymptome (Herzgeräusche, Eiweißausscheidung im Harn usw.) leiten, sondern wir machen die Funktionsprüfung zur Grundlage unserer Diagnose und Prognose. So werden wir auch bei der Beurteilung der gegenwärtigen Leistungsfähigkeit eines Berufsanwärters seine Reaktionsweise gegenüber bekannten Belastungen mit heranziehen, nicht nur das äußerlich faßbare Bild, das er dem untersuchenden und messenden Arzte bietet. Mit gewisser Vorsicht können wir beispielsweise die sportliche Betätigung eines Jugendlichen bei der Berufsberatung mit in Betracht ziehen, obwohl wir gerade dabei nie vergessen dürfen, daß es sich um eine freiwillige, mit Lust geleistete Körperarbeit handelt, die mit der ja leicht den Charakter einer erzwungenen Arbeit tragenden Berufstätigkeit nicht ohne weiteres vergleichbar ist. Wertvolle Schlüsse lassen sich natürlich aus schon geleisteter Berufsarbeit ziehen, die dem jugendlich-plastischen Körper oft schon unvertilgbare Spuren aufgeprägt hat. 170