Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 9 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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fende ausgesetzt werden darf (Schwerarbeit, dauerndes Stehen, gekrümmtes Sitzen, Staub, Durchnässung, dauernde feine Näharbeit, Lärm, Schwindelgefahr, schlechte Luft, reizende Gase u. a. m.). Unter keinen Umständen dürfen Ratschläge erteilt werden, die ganz falschen Voraussetzungen entspringen. So ist ein bei vielen Aerzten beliebter Fehler, Leuten mit chronischen Bronchitiden, Neigung zu Lungenentzündungen, beginnenden oder chronischen Tuberkulosen sogenannte Freiluftberufe zu empfehlen, wohl ausgehend von dem in der Therapie dieser Leiden sich immer mehr durchsetzenden Prinzip der Freiluftbehandlung. All diese Berufe, wie Gärtner, Landarbeiter, Förster, Maurer erfordern eine hohe Wetterfestigkeit und einen kräftigen Körperbau, Eigenschaften, die gerade die obengenannten Menschengruppen in der Regel vermissen lassen. Die Beurteilung der Leistungsfähigkeit des zu Untersuchenden ist kaum minder schwierig als die Beherrschung der Berufskunde. Immerhin ist sie dem ärztlichen Denken vertrauter, da sie sich im wesentlichen seiner Methode bedient. Der Unterschied zum rein ärztlichen Tun liegt vor allem darin, daß es sich hier um eine Prognostik am Gesunden handelt, nicht um die Prognostik eines einzelnen Krankheitsablaufs, der den Hauptinhalt der heute gelehrten Medizin ausmacht. Die einzigen Aerzte, die seit langem gewohnt waren, Gesunde in prognostischer Hinsicht zu untersuchen, sind die Lebensver- -sicherungsärzte. Auf diesem Gebiete gibt es auch große Statistiken, die verläßlich genug sind, um die Lebensversicherungsmedizin zum Range einer Wissenschaft zu erheben. Derartige Statistiken fehlen uns und werden uns leider noch lange fehlen, da Kriegs¬ und Inflationsverhältnisse die berufssuchende Jugend so tiefgehend benachteiligt haben, daß wir noch auf Jahre hinaus nicht mit Normalverhältnissen werden rechnen können. Solange wir aber unsere persönlichen, an Einzelindividuen gewonnenen Erfahrungen nicht an Hand großer Statistiken erhärten können, bleiben wir auf schwankem Boden, auf dem stärkere Einzelein- Irücke leicht zu Verzerrungen der wirklichen Verhältnisse führen können. Diese Schwierigkeit wird noch verstärkt dadurch, daß wir Menschen begutachten müssen, die in der Pubertät, d. h. in einer besonders stürmischen Entwicklungsphase begriffen sind. Jeder Tag bringt dem Jugendlichen neue Ueberraschungen, Stürme durchbrausen ihn, die ihn unausgeglichen und ratlos machen, ja nicht selten zur Selbstvernichtung drängen. Diese Unsicherheit des zu Beratenden, der heute himmelhoch jauchzend nach den Sternen greift, und der morgen zu Tode betrübt am Boden liegt und mutlos an seiner Berufsfähigkeit überhaupt zweifelt, überträgt sich natürlich auch auf die Berater und macht die seelische Eignungsprüfung zu einer nicht minder heiklen Sache als die Prüfung der körperlichen Leistungsfähigkeit. U9