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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-03-01 · 9 (März 1929) · page 15

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
9 (März 1929)
Date
1929-03-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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gatorische ärztliche Untersuchung der Jugendlichen vor ihrem Eintritt in das Berufsleben. Dies umsomehr, als der Berufsantritt in ein Lebensalter fällt, das gesundheitlich besonders gefährdet ist: das Pubertät s a 11 e r. Es ist schwer zu sagen, ob diese höhere Gefährdung allein auf eine durch die Pubertätsrevolution im Körper ausgelöste erhöhte Krankheitsbereitschaft zurückzuführen ist oder ob nicht gerade das Berufsleben mit seiner erhöhten Belastung des Körpers eine ausschlaggebende Rolle spielt. Wahrscheinlich sind beide Faktoren in einem allerdings individuell wechselnden Ausmaße an der gesteigerten Gefährdung des Körpers beteiligt. Erinnert sei nur an die Pubertätsphthise, die Rhachitis tarda, die Schizophrenie, die Chlorose, um einige besonders deutlich ausgezeichnete Krankheitsbilder hervorzuheben, gibt es doch kaum ein Organsystem, das nicht typische Veränderungen in der Pubertätszeit durchzumachen pflegt. Die ärztliche Untersuchung hat eine doppelte Aufgabe: sie soll einmal Krankheiten und Defekte aufdecken und, soweit möglich, ihre Beseitigung veranlassen, und damit das Individuum in den seinem Alter entsprechenden Normalzustand überzuführen trachten, sie soll ferner — und dies ist das eigentliche Hauptstück jeder ärztlichen Berufsberatung — den Istzustand des Individuums, die Gesamtheit seiner körperlichen Leistungsfähigkeit, aufnehmen und in Vergleich bringen zu dem für jeden Beruf erforderlichen Sollzustand. Weichen beide Zustände über ein gewisses Maß, dessen Beurteilung allerdings mehr intuitivempirisch erfolgen wird, voneinander ab, so wird der Arzt von der Ergreifung des betreffenden Berufes abraten. Er wird sich allerdings auf diese negative Seite der Berufsberatung nicht beschränken dürfen*), sondern er wird in jedem Falle positiv zu einer Lösung kommen müssen, die den berechtigten körperlichen, seelischen und sozialen Forderungen des Individuums wie denen der Allgemeinheit in zureichendem Maße gerecht wird. Zwei Grundvoraussetzungen müssen für die ärztliche Berufsberatung gemacht werden. Die Berufskunde muß ebenso vom Arzte beherrscht werden wie die Beurteilung der Leistungsfähigkeit des zu begutachtenden Individuums. Beide sind gleichermaßen schwierig, umsomehr, als der werdende Arzt von beiden Gebieten während des Studiums so gut wie nichts erfährt. Er kann froh sein, wenn ihm die Klinik die hauptsächlichsten Typen von Berufskrankheiten vor Augen führt. *) Zahlreiche Betriebe, öffentliche wie private, gehen bei den Aufnahmen von Arbeitskräften äußerst rigoros vor, nicht nur in der Beurteilung der körperlichen, sondern auch der geistigen — gewöhnlich durch psychotechnische Prüfungen bestimmten — Leistungsfähigkeit. Um das Schicksal der Abgewiesenen kümmern sie sich nicht. Diese einseitige Auslese hat die Prüfungsmethoden in den Augen vieler etwas anrüchig gemacht, so daß sie ihnen mißtrauisch gegenüberstehen, auch wenn sie nur einer objektiven Aufnahme des Istzustandes dienen sollen. 167

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