Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 9 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2709108-2709128-2709136--436-2709627- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
der Ausübung die stärkere Möglichkeit selbständiger, schaffender Arbeit gegeben ist. Der Prozentsatz der jüdischen Schülerinnen in den sozialen Schulen bewegt sich zwischen 3 und 9 Prozent, übertrifft also bei weitem den Durchschnittsanteil der jüdischen Bevölkerung. Der Zugang der jüdischen Männer zum sozialen Beruf ist bisher in geringerem Umfange erfolgt, teils weil die Männer vielfach über den Weg der akademischen Ausbildung, der erfahrungsgemäß bei der jüdischen Bevölkerung stark bevorzugt wird, häufig zu leitenden Stellen in der sozialen Arbeit als Juristen oder Nationalökonomen gelangen, teils auch, weil der Weg der mittleren Beamtenlaufbahn nicht mit Vorliebe von der jüdischen Bevölkerung gewählt wird. Wenn die Aussichten für den sozialen Beruf auch im ganzen nicht als ungünstig zu betrachten sind, so sind sie tatsächlich für jüdische soziale Kräfte ungünstiger als für ihre christlichen Kollegen. Es ist in Arbeitsnachweisen für soziale Berufe beobachtet worden, daß im Durchschnitt die jüdische Sozialbeamtin bei gleicher Eignung schwerer zu vermitteln ist und sie länger nach einer Stelle zu suchen hat. Die Gründe dafür sind verschiedene. Einmal ist die Möglichkeit der in Frage kommenden Stellen begrenzter, weil vor allem meist die Stellen in ländlichen Kreisen im Hinblick auf die rein christliche Bevölkerung nicht in Frage kommen und weil auch vielfach in den kleineren und mittleren Städten die Aussichten der Anstellung aus denselben Gründen nicht günstig sind. Da an sich die Zahl der jüdischen Bewerberinnen relativ groß ist, findet auch in den größeren Städten meist eine gewisse Auswahl zur Erhaltung des Gleichgewichts der verschiedenen Gruppen von Fürsorgerinnen statt, so daß tatsächlich nicht der gesamte Arbeitsmarkt, sondern nur ein begrenzter Kreis für die Besetzung durch jüdische Kräfte in kommunalen Aemtern in Frage kommt. Bei der Sozialversicherung wird unserer Erfahrung nach bisher bei den wenigen durch fachlich geschulte Sozialbeamte besetzten Stellen ein Unterschied nicht gemacht. In der freien Wohlfahrtspflege scheiden die zahlreichen Stellen, die die Innere Mission und die katholische Caritas besetzen, naturgemäß aus; ebenso sind die Möglichkeiten bei den Vaterländischen Frauenvereinen gering. Die humanitär gerichteten Vereine stellen in den Großstädten die Kräfte vielfach ohne Unterschied der Konfession an, aber es kommen hier auch wieder nur Großstädte in Frage. Als letztes, sehr mitsprechendes Moment für die geringen Möglichkeiten für Jüdinnen im sozialen Beruf ist die Tatsache zu erwähnen, daß die jüdischen Gemeinden in sehr viel geringerem Umfange sich bisher entschlossen haben, sozial geschulte Kräfte einzustellen, als dies z. B. bei den evangelischen und katholischen Kirchengemeinden der Fall ist. Die Aufnahmefähigkeit bei den anderen konfessionellen Verbänden für sozial geschulte Kräfte ist so groß, daß sogar Kurz-Kurse 158