Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 9 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Es liegt im Wesen unserer Zeit und in der Stellung, die die Jugend sich erobert hat, daß die Fragen der Berufswahl nicht mehr wie früher von Eltern und Vormündern allein entschieden werden. Die Jugend, deren Schicksal und Zukunft oft durch die Berufswahl bestimmt werden, wirkt mit an der Wahl des Berufes und der Entscheidung für diesen. Der Jugendbewegung aller Richtungen hat sich hier ein breites Feld fruchtbarer Arbeit eröffnet. Ihr obliegt es, den Jugendlichen die innere Einstellung zu Arbeit und Beruf zu vermitteln. Sie hilft mit an der Gestaltung des Willens der Jugend und macht sie frei von traditionellen Vorurteilen gegen bestimmte Berufe. Sie erweckt in ihr Achtung und Verständnis für jede schaffende Arbeit, die durch den Menschen, der sie leistet, erst ihren eigentlichen Wert und ihre Bedeutung erhält. Die Berufsberatung ist Helfer der Eltern und der Jugend. Mit ihnen zusammen stellt sie Eignung und Neigung der Jugendlichen fest, prüft sie die wirtschaftlichen Voraussetzungen der Ausbildung und die späteren Existenzmöglichkeiten im gewählten Beruf. Ihre Aufgabe kann nur im Zusammenwirken mit den Eltern, der Schule und der Jugend ganz erfüllt werden. IV. Die Frage, welcher Beruf gut oder schlecht ist, die oft vor der Berufswahl gestellt wird, kann meist gar nicht beantwortet werden, da sie am Wesentlichen vorbeigeht. Worauf es zunächst ankommt, ist wirkliche innere Umschichtung in der gesellschaftlichen Bewertung der verschiedenen Berufe, Achtung des berufstätigen Menschen nach seinen Leistungen und menschlichen Werten, unabhängig von dem von ihm ausgeübten Beruf. Hat man sich dazu durchgerungen, so ist man bereits der Berufswahl näher gekommen. Denn nun werden zuerst Eignung und Neigung des Berufsanwärters geprüft, und vom Ergebnis dieser Prüfung die Berufsentscheidung abhängig gemacht, sofern nicht unüberwindliche wirtschaftliche Hindernisse der Verwirklichung des so festgestellten Berufswunsches gegenüberstehen. Diese Feststellung ist besonders notwendig im Hinblick auf gewisse Uebertreibungen, denen man bei Behandlung von Fragen der Berufswahl in weiten Kreisen begegnet. Es ist irrig zu glauben, daß der Sinn der Umschichtung darin liegt, z. B. zu verhindern, daß ein jüdischer Junge Kaufmann wird, obwohl Eignung und Neigung für diesen Beruf sprechen und auch gewisse wirtschaftliche Voraussetzungen erfüllt sind. Dies wäre genau so verfehlt wie die frühere Mißachtung der manuellen Berufe. Es kommt nur darauf an, bei der Wahl des Berufes jene Vorsicht walten zu lassen, die sich aus dem früher Gesagten ergibt. Darüber hinaus aber muß dafür Sorge getragen werden, daß die Ausbildung in dem gewählten Beruf eine möglichst gründliche und hochqualifizierte ist. In diesem Sinne soll auch nicht der Uebergang zum Handwerk schlechthin propagiert werden, auch hier muß genau geprüft werden, ob die Gewähr einer guten und gründlichen Ausbildung 155