Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 9 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Erwerbstätigen in den kaufmännischen Berufen zusammendrängt, hat im jüdischen Bürgertum auch eine besondere Auffassung vom sozialen Wert der verschiedenen Berufe gezeitigt, die ihren Ausdruck gefunden hat in der in den jüdischen Familien gepflegten Berufstradition, die seit jeher von dem Bestreben der Eltern getragen war, ihren Kindern den Weg zum Aufstieg zu ebnen. Auf diesem Boden erwuchsen die Vorurteile gegen bestimmte Berufe, die Minderbewertimg der manuellen Arbeit, die im Handwerker und gewerblichen Arbeiter einen gesellschaftlich nicht vollwertigen Menschen sah. Der seit Jahrzehnten versuchten Berufsumschichtung der Juden mußte ein wesentlicher Erfolg versagt bleiben, weil sie nicht von den Erfordernissen der wirtschaftlichen Lage des einzelnen getragen wurde, sondern von diesem im Interesse des Ansehens der Gesamtheit die Wahl von Berufen forderte, deren Träger von derselben Gesamtheit mit schlecht verhohlener Geringschätzung behandelt wurden. Die Not unserer Zeit hat auch hierin bereits in manchem Wandel geschaffen. Die Verarmung des jüdischen Mittelstandes hat innerhalb desselben frühere soziale Gegensätze ausgeglichen und mit veralteten Vorurteilen aufgeräumt, die schaffende manuelle Arbeit setzt sich allmählich auch bei den Juden durch und erlangt jene Achtung und Wertschätzung, die ihr bei anderen Völkern schon längst entgegengebracht wird. Der Wandel der sozialen Verhältnisse läßt im Judentum eine innere Umstellung in der Bewertung der Arbeit heranreifen, durch die die Berufsentscheidung der heranwachsenden Generation tiefgehend beeinflußt wird. Im Gegensatz zu den Umschichtungsbewegungen früherer Jahrzehnte, die künstlich hervorgerufen wurden, ist die gegenwärtig sich vollziehende Umschichtung die logische und natürliche Folge der wirtschaftlichen Lage der Juden, die den einzelnen und die Gesamtheit zwingt, nach neuen Möglichkeiten zu suchen und neue Wege zur Erlangung wirtschaftlicher Sicherheit zu beschreiten. III. Der Berufsumschichtungsprozeß, der in den letzten Jahren im Judentum eingesetzt hat, ist der jüdischen Oeffentlichkeit viel zu wenig bekannt, er wird deshalb auch nicht mit jener Aufmerksamkeit beachtet, die hier zweifellos geboten ist. Wichtiger aber als die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit ist die Tatsache, daß jene, die es angeht, und die von der Umschichtung selbst am stärksten erfaßt werden, die jüdische Jugend, den Fragen des Berufes größtes Interesse entgegenbringt. Während in Versammlungen und Zeitungen noch Wege und Möglichkeiten der Umschichtung diskutiert werden, sind zwei Faktoren herangewachsen und zu Trägern der Umschichtung geworden, die jüdische Jugendbewegung und die jüdische Berufeberatung. 154