Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 8 (Februar 1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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nischen Beruf, zuführt, würde ihren Zweck vollkommen verfehlen. Sicherlich hat die Berufsberatung <iie wirtschaftlichen Verhältnisse zu berücksichtigen. Doch wird jeder Einsichtige hierunter nicht die Lage der nächsten Jahre verstehen, sondern er wird fordern, daß die Berufsbildung dem Jugendlichen weitmöglichst die Sicherung seiner wirtschaftlichen Lage gewährleistet. Es kann kein Zweifel bestehen, daß dies hier bei Ergreifung eines kaufmännischen Berufes nicht der Fall gewesen wäre. Berücksichtigung der wirtschaftlichen Lage bei der Berufswahl kann nur Produktivierung bedeuten; es muß <iie Aufgabe der betreuenden Stellen sein, dem jugendlichen Berufsanwärter sowie dem Befürsorgten zu der von ihm erstrebten wirtschaftlichen Unabhängigkeit zu verhelfen. Niemals jedoch und unter keinen Umständen ist es Aufgabe einer Fürsorge- oder einer Beratungsstelle, durch Nichtbewilligung im Augenblick die Kasse des Wohlfahrtsamtes zu schonen; denn nur augenblickliche Verminderung <ier Kosten dürfte entstehen, wenn man den Jugendlichen veranlaßt hätte, den ungeliebten, darüber hinaus noch aussichtslosen Beruf des Kaufmannes zu ergreifen, der ihn wahrscheinlich später doch wieder gezwungen hätte, vom Wohlfahrtsamt Unterstützung zu erbitten. Eine derartig eingestellte Wohlfahrtspflege ist nicht nur wenig sinnvoll, weil psychische Schäden für den Befürsorgten entstehen müssen, sie ist auch in höchstem Maße unrationell, weil die Kosten, die jetzt scheinbar gespart werden, später vielfach wieder ausgegeben werden müßten, wenn Jugendliche nicht sachgemäß und gründlich ausgebildet werden können. Wir brauchen dringend eine Zusammenarbeit von Wohlfahrtspflege und Berufsberatung. Sie kann nicht da sein, wo man von der Berufsberatung Verleugnung ihrer wesentlichen Aufgaben verlangt, nicht da, wo man wünscht, daß Kinder ihre Berufswünsche aufgeben, weil sie arme Eltern haben — wahrlich ein Standpunkt, der einer modernen Wohlfahrtspflege unwürdig ist, — sondern Zusammenarbeit kann nur da sein, wo die gemeinsamen Kräfte dazu verwandt werden, um den zu Betreuenden zu der Selbständigkeit teu verhelfen, die sie wünschen, und die sie sowohl wie die Gesellschaft brauchen. Nicht umsonst ist die Berufsberatung eines der jüngsten Kinder der Wohlfahrtspflege. Sie muß von dieser das Bekenntnis zu jener neuen Form der Wohlfahrtspflege verlangen, die die alte Armenpflege ablehnt und an ihre Stelle eine neue produktive Sozialpolitik setzt. Der vorstehende Fall ist nicht als ein besonders krasser Einzelfall dargestellt, sondern er beleuchtet nur die vielfach noch bestehenden Mängel unserer jüdischen Wohlfahrtspflege und die verhängnisvollen Folgen, die aus dieser Gestaltung der Fürsorge entstehen können. L. Z. Arbeitsnachweis und Sabbathruhe. Die letzten Monate der Tätigkeit der Vereinigten Zentrale für jüdische Arbeitsnachweise waren in verstärktem Maße darauf gerichtet, sabbathfreie Stellen für Arbeiter und Angestellte zu beschaffen, jüdische und nichtjüdische Arbeitgeber dafür zu interessieren, jüdischen Arbeitnehmern Stellen freizumachen, an denen der jüdische Arbeitnehmer, der Wert darauf legt, am Sabbath nicht zu arbeiten braucht. Insbesondere haben unsere Bemühungen im Zusammenhang mit dem Berliner Jüdischen Arbeitsnachweis in den letzten Monaten und Wochen Ergebnisse gezeitigt, die unsere Erwartungen bei weitem übertrafen. Es wird für die kommenden Monate das besondere Bestreben der Vereinigten Zentrale sein, die«e Bemühungen zu verstärken, um sabbathfreie Stellen zu werben, insbesondere aber jüdische Arbeitgeber für den Gedanken in viel stärkerem Maße zu gewinnen, religiös eingestellten jüdischen Arbeitnehmern Sabbathruhe zu gewähren. Forderungen Jüdischer Erwerbsloser, Am 19. Januar fand in Frankfurt a. Main eine gut besuchte jüdische Erwerbslosenversammlung statt, die folgende Resolution faßte: „Die am 10. Ianuar tagende jüdische Erwerbslosenversammlung verlangt, daß die unwürdige Behandlung und Interesselosigkeit der jüdischen Geschäftswelt gegenüber den jüdischen Erwerbslosen und dem jüdischen Arbeitsnachweis sowie der ihr angegliederten Schreibstube aufhört Wir können dies nur dtirch die nicht genügende Propaganda des jüdischen 150