Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 8 (Februar 1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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ration bereit zu machen. Hinzu tritt aber die schwierige heilpädagogische Aufgabe, die „Verwahrlosung" des Kindes zu beseitigen. Worin besteht die Verwahrlosung? In den weitaus meisten Fällen handelt es sich um die sogenannten Milieuschäden, deren Heilung in leichten Fällen schon durch die Versetzung in eine gesunde und warme Umgebung gewährleistet wird. In schwierigeren Fällen von Milieuschäden und bei Schäden, die auf Anlagestörungen beruhen, tritt bewußte heilpädagogische Behandlung nach den modernsten psychologischen Methoden ebenfalls mit Erfolg ein (siehe Aichhorn, Verwahrloste Jugend). Bei dem gattungsmäßigen Erziehungsideal müssen die Ideale der Schicht, der die Zöglinge entstammen, berücksichtigt werden, sonst ist ihre spätere Einordnung in das gesellschaftliche Leben unmöglich. Die wenigen vorbildlichen Fürsorgeerziehungsheime, die hejute bereits bestehen, beweisen durch ihre Erfolge die Richtigkeit der Annahme, daß verwahrloste Jugend durchaus erziehbar ist. Man darf nur nicht den Standpunkt einnehmen, daß der Jugendliche bereits zum Verbrecher gestempelt ist, oder mitleidsvoll versuchen, die einzelnen Symptome seiner Verwahrlosung (sexuelle Verwirrungen, Stehlen usw.) zu heilen und darüber vergessen, daß diese nur Ausfluß einer geschädigten psychischen Gesamtverfassung sind. In den weitaus meisten Fällen wird nur versucht, die Zöglinge für die Zwecke der Gesellschaft zu dressieren, im günstigsten Fall wird versucht, sie zu „nützlichen Gliedern der bürgerlichen Gesellschaft" zu machen, oft aber werden die Jugendlichen durch engherzige und stumpfsinnige Erziehung in den Heimen, die durch Mauern von der lebendigen Umwelt getrennt sind, derartig in die Enge getrieben, daß nur das Ziel erreicht wird, daß die menschliche Gesellschaft vor ihnen möglichst bewahrt wird. Es gehört mit zu den beschämendsten Symptomen der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland, daß ihre beiden Fürsorgeerziehungsheime zu den schlechtesten ihrer Art gehören. Die menschenunwürdigen Zustände in der Fürsorgeerziehungsanstalt Repzin spotten jeder Beschreibung. Mehr als diese theoretische Anklage würden es Beispiele aus der Praxis erweisen, trotzdem versage ich mir die Aufzählung einzelner grausamer Mißstände. Hinzu kommt, daß ernsthafte Reformbestrebungen an der Arbeit sind. Es muß aber auch an diesen Bestrebungen, soweit sie bisher in der Oeffentlichkeit bekannt sind, Kritik geübt werden. Man operiert hier nur an der Reformierung von Symptomen und geht der falschen Grundeinstellung der jüdischen Fürsorgeerziehung nicht nach. Zunächst ist in Köpenick z. B. mühselig versucht worden, Einzelheiten abzuändern. Der Riegel, durch den automatisch die Einzelzellen der Mädchen abends von außen verschlossen wurden, tritt nur noch selten in Gebrauch. Man will ihn sogar jetzt abschaffen oder vielleicht seine Konstruktion ändern. Man weiß, daß das schwierige sexuelle Problem durch die Isolierung der Mädchen nach ihrer Entlassung zu gefährlichen Aus- 14Q