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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-02-01 · 8 (Februar 1929) · page 10

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
8 (Februar 1929)
Date
1929-02-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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jythmischen Gesetzen, beim Tier kommt die Hilfe der Angehörigen der gleichen Gattung absichtsvoll hinzu, die es dem Abkömmling erst ermöglicht, sich zu entwickeln. Die Hilflosigkeit des kindlichen Zustandes ist beim Menschen am deutlichsten und am längsten zu spüren. Hier bedeutet Erziehung zunächst Hilfeleistung zur Entfaltung der Anlagen des Zöglings, hinzu tritt das Ziel der Erziehung zur Gattung, sei es, daß dieses Ziel religiös, staatlich, rassemäßig oder parteipolitisch näher bestimmt ist. Da, wo die gesellschaftlichen Formen in Auflösung begriffen die jüdische Seite der Fürsorgeerziehung im Zusammenhang mit der jüdischen Fürsorgeerziehungsanstalt Repzin einer ernsten Betrachtung unterzogen: „...Nur Wenigen aus den Kreisen der Zuhörer war die Materie aus eigener Wahrnehmung bekannt. Denjenigen aber, die fachlich unterrichtet sind, drängen sich unwillkürlich Vergleiche auf, keine historischen aus dem Mittelalter, wo Erziehungsanstalten mit grausamen Einrichtungen gang und gäbe waren, oder Vergleiche mit den furchterregenden Häusern, die unter Ausschaltung jeder Oeffentlichkeit ihr bedenkliches Wesen treiben könnten. Unsere heutige modernste Gegenwart mit pädagogischen Grundsätzen und Lehren, die auf Hochschulen und Seminaren gelehrt werden, steht ohnmächtig vor den Problemen, deren notvolle Lebendigkeit und unerhörte Aktivität der Dichter uns spüren läßt. Ihre Lösung macht den Fachgelehrten und mehr noch den praktischen Vertretern der jetzigen landläufigen Erziehungsmethode dauernde Kopfschmerzen. Seit Jahrzehnten diskutieren Kongresse und Tagungen um die Lösung. Man hat eine umfangreiche Literatur zustande gebracht. Wir sind kaum einen Schritt vorangekommen. Wie können wir es ertragen, in dieser brennenden zentral-wichtigen Frage nicht weiter zu kommen? Unwillkürlich drängen sich Vergleiche auf. Ich habe mich gewaltsam bemühen müssen, meine Gedanken von Repzin abzulenken. Hält Repzin dem strengen Tribunal stand, in das sich hier die Szene verwandelt hat? Nicht nur andere öffentliche Stätten, das was da gedichtet und dargestellt wird, — könnte das nicht auch unser jüdisches Repzin sein? Unsere einzige in Deutschland befindliche Fürsorgeerziehungsanstalt Repzin. Seit bald 30 Jahren unser Sorgenkind. Haben wir das nicht alles auch schon von Repzin gehört: Schlechte Behandlung, schlechtes Essen, schlechte Kleidung, Prügelstrafe, Hungerstrafe, Ausbrechen, Fluchtergreifen, Brandstiftung? Gewiß, Tendenzstück. Hier wird dem Fürsorgewesen ein Zerrspiegel vorgehalten. Aber dabei kann sich das moralische Gewissen nicht beruhigen. Denn niemand wird sich rühmen wollen, daß unser Repzin dem Idealbild einer jüdischen Fürsorgeerziehungsanstalt entspricht. Gewiß, eine genaue Untersuchung muß ergeben, daß der Dichter — an den Verhältnissen Repzins gemessen — übertreibt. Es mag sogar mehr Gutes als Schlechtes zu verzeichnen sein, aber solange wir selbst das Gefühl haben, vom Idealen noch weit entfernt zu sein, solange dürfen wir nicht von Uebertreibungen sprechen. Solange müssen wir uns getroffen fühlen und jeden Vorwurf zum Motiv machen, unsere Anstrengungen zu vermehren, um das letzte Schlechte auszutilgen. Es mag vermessen sein, dies in aller Oeffentlichkeit zu sagen. Vielleicht ist es nicht nützlich und zweckmäßig, jüdische Einrichtungen an den Pranger zu stellen, vielleicht wird man mich anklagen, den Geist, die Ehfre und die Würde der jüdischen Gemeinschaft verletzt zu haben. Vielleicht werden auch diese Aeußerungen unerhört und unbeachtet vetrhallen wie meine Mahn- und Unkenrufe seit vielen Jahren. ... Unterdrücken wir unsere Sucht, aus Rücksicht auf das Judentum alles, was uns angeht, ohne weiteres als mustergültig, freiheitlich und lobenswert hinzustellen. Es wäre nur ein Hinausschieben der Katastrophe. Hier heißt es, die Wahrheit anzuerkennen und den einzig richtigen Weg zu finden..." (Aue „Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege", Jg. I, Heft 1.) 138

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