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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1929-02-01 · 8 (Februar 1929) · page 8

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
8 (Februar 1929)
Date
1929-02-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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fühlen zu behandeln. Solche Situationen der tiefsten Not eignen sich eben für eine rein religiöse Behandlung nicht. Abgesehen davon, daß dann stets die Gefahr vorliegt, daß des Seelsorgers Wort ins Salbungsvolle hinuntergleitet, werden tiefer und reiner veranlagte Menschen, die sonst Kinder einer geschäftigen, arbeitenden und genießenden Welt sind, solche Einwirkung als fremdartig und deklamatorisch empfinden, und die niedriger denkenden werden äußerlich jene Demut zeigen, die von der Scheinheiligkeit nur durch eines Fadens Breite getrennt ist. Praktisch muß der Seelsorger in jedem Fall einer Untersuchungshaft sich zunächst um die Angehörigen kümmern. Ob sie wirklich in Not sind oder nicht, ist dabei gleich. Vielleicht wird in manchem Falle die Hilfe gar nicht nötig und erwünscht sein, aber dem verhafteten Familienmitgliede wird die Absicht und der gute Wille unter allen Umständen eine Stärkung bedeuten. Bei ihm kommt es dann darauf an, ihn fühlen zu lassen, daß man ihn nicht, wie es trotz des besten ^anzuerkennenden Willens seitens der staatlichen Instanzen doch rein zwangsläufig geschehen muß und geschieht, als Verbrecher, sondern als gleichgestellten Mitmenschen betrachtet, dem man Freundschaftsdienste erweisen muß. Man muß seinen Lebensmut und seinen natürlichen Optimismus stärken, in das Trübselige seiner Tage ein wenig Frohes zu tragen trachten. Man muß für Lektüre sorgen, die den besonderen Anschauungen und Bedürfnissen eines Juden angemessen ist, muß bei denen, — und ihrer ist die Mehrzahl — die mit Glücksgütern nicht gesegnet sind, für die Beschaffung jener kleinen Bedürfnisse und Bequemlichkeiten sorgen, die nun einmal im menschlichen Leben die Stimmung so gewaltig beeinflußen. Wer seiner Freiheit sich erfreut, versteht nicht, welche gewaltige Wirkung eine Schachtel Zigaretten, eine Tafel Schokolade, eine Tageszeitung auf den Lebensmut ausüben können! Gewiß ist es leider nicht möglich, alle berechtigten Wünsche zu erfüllen, aber das Geld, das mir das Fürsorgeamt der Leipziger Gemeinde zum Zwecke der Betreuung der Untersuchungsgefangenen zur Verfügung stellt, ist so gut angewendet, wie Mittel der Fürsorge es nur sein können. In vielen, vielen Fällen habe ich — ebenso wie andere Kollegen, die auf diesen Zweig der Seelsorge Wert legen, — die Erfahrung machen können, eine wie belebende und aufrichtende Wirkung erzielt wird, wenn der Rabbiner als Mensch und Freund zum Menschen spricht, und wenn er sein Augenmerk auf die Hebung der äußeren Behaglichkeit und Bequemlichkeit richtet. In Einzelfällen wird darüber hinaus manches mehr zu leisten sein. Zur Hebung des Lebensmutes wird es oft gehören, für die Erfüllung der rituellen religiösen Pflichten Vorsorge zu treffen und Tallis, Tefillin, rituelles Essen und Gebetbücher zu beschaffen. Einzelne Fälle werden so gelagert sein, daß ein Verteidiger bestellt werden muß, und ich denke hierbei vornehmlich an Juden nichtdeutscher Staatsangehörigkeit, die oft nicht über die erforderlichen Sprachkenntnisse verfügen und die als Ausländer stets als fluchtverdächtig gelten und beim geringsten Verdacht auch dann 136

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