Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 8 (Februar 1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2709108-2709128-2709135--409-2709599- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erklärung noch einmal die Motive zusammengefaßt, die zu dem Versuche der Errichtung der jüdischen Arbeiterkolonie verpflichten. Die Errichtung der Arbeiterkolonie trifft nun zeitlich zusammen mit einem anderen großen jüdischen Versuch, nämlich dem Siedlungsprojekt des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. Die „Jüdische Landarbeit G. m. b. H." denkt an eine neue Eroberung des Bodens durch jüdische Arbeit. Die Schwierigkeiten und die Problematik dieses Versuches stehen in diesem Zusammenhang nicht zur Erörterung. Es soll vielmehr ein Wort zur Beantwortung jener kürzlich aufgetauchten Frage gesagt werden, ob nicht eine einheitliche Unternehmung beiden Versuchen — Arbeiterkolonie und Siedlung — zusammen und damit beiden Ideen gemeinsam gerecht werden könne. Siedlung und Arbeiterkolonie — beide wollen jüdische Arbeit mit dem Boden verknüpfen. Diese gemeinsame Basis als Ausgangspunkt kann aber nur den oberflächlichen Betrachter auf den ersten Blick dazu verführen, eine Identität beider Unternehmungen behaupten und herstellen zu wollen. Die wohlverstandene Siedlung muß ein Wirtschaftsunternehmen sein mit der dringlichen Forderung zur baldigen Rentabilität. Daraus resultiert, daß die rentable Wirtschaftlichkeit das Gesetz ihres Handelns in allen Teilen sein und bleiben muß. Die Siedlung wird die besten jüdischen landwirtschaftlichen Kräfte an sich zu ziehen versuchen; ihr Kriterium ist die wirtschaftliche Einordnung und Bewährung. Sie wird alles das von sich weisen müssen, was ihren Versuchen caritativen Charakter geben könnte. Sie wird alle Maßnahmen zu treffen haben, die darauf abzielen, den jüdischen Landwirt dem Lande dauernd zu verbinden, für seine bestmögliche Ausbildung zu sorgen. Und die jüdische Arbeiterkolonie? Sie wird zwar auch ein Unternehmen sein, das wirtschaftlich geleitet werden muß, aber sie kann nie rentabel sein, da die Motive ihres Seins nicht der Wirtschaft, sondern dem sozialpolitischen Handeln entspringen. Sie wird Arbeitskräfte an sich ziehen müssen — und das ist der Sinn ihrer Existenz — die der freie Arbeitsmarkt als halbe und nicht unterzubringende bewertet. Das Kriterium dieser Kräfte ist nicht Bewährung und dauernde Einordnung im landwirtschaftlich-gärtnerischen Betrieb, sondern der Wille zur Erhaltung der Arbeitskraft mit dem Ziele, baldmöglichst dem allgemeinen Wirtschaftsprozeß wieder eingeordnet zu werden. Während der Siedlung der beste Arbeiter gerade gut genug ist, muß es der Stolz der Arbeiterkolonie sein, den „schlechtesten" und unwilligsten zur Arbeit zu bringen. Wenn die Leitung der Kolonie nicht den Sinn der Kolonie selbst aufheben will, wird sie nie die fürsorgerischen und pädagogischen Ziele aus dem Auge verlieren dürfen. Und sie wird demgemäß ihre Aufgabe darin sehen müssen, die in der Arbeit sich bewährenden Kräfte möglichst schnell durch Arbeitsvermittlung wieder zu verlieren. 132