Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 8 (Februar 1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2709108-2709128-2709135--407-2709597- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Strafentlassene auf die Möglichkeit, sich wieder in das Wirtschaftsleben einzuordnen. Die Erschütterung des jüdischen Wirtschaftslebens Deutschlands, insbesondere die katastrophale Lage des jüdischen Mittelstandes, das Schwinden der Rentnerschicht zwingen heute Juden jeden Alters in immer stärkerem Maße zur Wanderschaft und zur Arbeitssuche. Dem jüdischen Arbeitsnachweis kann es bei der gegenwärtigen krisenhaften und dauernden allgemeinen Arbeitslosigkeit nicht immer gelingen, jeden jüdischen Arbeitslosen in Arbeit unterzubringen. Es fehlt eine Institution, die es ermöglicht, Menschen von der Straße fernzuhalten, die es erlaubt, ihnen vorübergehend Arbeit und Nahrung zu geben. Die beste Organisation muß dem Problem der Wanderfürsorge hilflos gegenüberstehen, wenn es ihr nicht gelingt, sich die Möglichkeit zu verschaffen, unabhängig vom Arbeitsmarkte einzelne Menschen in Unterkunft und Arbeit zu bringen. Alle Projekte sind erwogen worden. Die vielfachen Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, daß insbesondere die rein gewerblichen Unternehmungen ungeeignet sind. Alle Fachleute und führenden Persönlichkeiten der Wanderfürsorge sind sich darüber einig, daß wirkliche Aussicht auf durchgreifenden Erfolg nur eine Arbeiterkolonie auf landwirtschaftlich-gärtnerischer Basis mit Arbeits Werkstätten aller Art geben kann. Die christliche und allgemeine Wanderfürsorge verfügen über einige hundert derartiger Anstalten, die zum Teil Ausgezeichnetes und Vorbildliches erreicht haben. Das deutsche Judentum verfügt nicht über eine einzige derartige Institution, obwohl z. B. allein die Notwendigkeit, jüdischen Strafgefangenen vorübergehend Unterkunft und Arbeit zu beschaffen, sich täglich dringender erweist. Die zu gründende Arbeiterkolonie wird nicht nur Arbeit und Brot geben, sondern sie wird auch die Möglichkeit zulassen, pädagogisch auf die Wanderer einzuwirken und wird uns erst durchgreifend in die Lage versetzen, im Zusammenhang mit den jüdischen Arbeitsnachweisen für baldige Wiedereinordnung in das Wirtschaftsleben selbst zu sorgen. Die jüdischen Landesverbände Deutschlands haben sich mit dem Projekt der Hauptstelle befaßt, bedeutende Fachleute sind zur Begutachtung herangezogen worden. Es ist ein landwirtschaftlich-gärtnerisches Projekt in Aussieht genommen mit der Möglichkeit, vorläufig täglich 50 Wanderer aufzunehmen. Diese Zahl wird sich durch Ausbau des Betriebes im Laufe der Zeit vervielfachen lassen. Das Projekt beansprucht einen Kostenaufwand von zirka 300.000 M. Reich und Staat haben ihr Interesse für diese erste jüdische Arbeiterkolonie bekundet und ein Darlehen von 60.000 M. bewilligt. Die Arheitsgemeboßchaft der jüdischen Landesverbände 130