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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1928-12-01 · 6-7 (Dezember 1928) · page 27

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
6-7 (Dezember 1928)
Date
1928-12-01
Page
– (sequence 27)
Language
German
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bekannt. Sie kam 16jährig zu uns, von der Schule als ein künstlerisch besonders begabtes Mädchen empfohlen. Die Zeichnungen, Linoleumschnitte und Papierschnittübungen, die sie vorlegte, ließen eine mehr als durchschnittliche Begabung erkennen. Sie kam mit dem Wunsche, freie Künstlerin zu werden, erklärte aber sofort, daß dieser Wunsch undurchführbar sei und unbedingt an den* Widerstand der Eltern scheitern würde, da diese eine berufliche Ausbildung überhaupt nicht wünschen. Im günstigsten Falle würde sie durchsetzen können, einen kunstgewerblichen Beruf zu ergreifen. Auf Grund ihres besonders ausgeprägten Farben- und Formensinnes wurde ihr zum Beruf der Theaterdekoirateurin geraten. Zunächst war der Widerstand der Eltern zu überwinden. Der Vater, ein orthodoxer Ostjude, wollte zuerst überhaupt nichts davon wissen, daß seine Tochter einen Beruf eirgriff. Er hatte die in seinen Kreisen übliche Einstellung, daß das Mädel es nicht nötig habe, zu verdienen und daß sie bis zu*- Heirat zu Haus bleiben sollte. Wenn sie aber durchaus nicht ohne Berufstätigkeit bleiben wollte, so sollte sie einige Jahre hindurch in eine Bürostellung gehen. Die hierzu notwendige Ausbildung hätte sie durch den Besuch der kaufmännischen Klasse ihrer Schule erhalten. Wir knüpften an die Bemerkung des Vaters an, daß ein Verdienst nicht nötig wäre, und versuchten, die Erlaubnis zum Besuch einer Kunstgewerbeschule zu erlangen. Dabei stellte sich wie häufig in diesen Fällen heraus, daß keinesfalls Mittel zu einer solchen Ausbildung vorhanden wären, und daß das Mädchen früher oder später durchaus auf ihren eigenen Verdienst angewiesen wäre. Nach sehr langen Verhandlungen gestattete der Vater endlich die werkstattmäßige Ausbildung «in einem kunstgewerblichen Beruf und versprach, Hannah ihren Verdienst zum Besuch einer Kunstgewerbeschule zu belassen. Nach dieser ersten Schwierigkeit war eine zweite entstanden, deren Ueberwindung weit schwerer und fast unmöglich erschien. Es war trotz größter Bemühungen und trotz aller Konzessionen, die wir machten, kein Betrieb zu ermitteln, in dem die Jugendliche von der Sabbatharbeit hätte befreit werden können. Als wir sahen, wie mühselig die Unterbringung war, meldete das Mädchen sich auf unser Anraten bei der Berliner Handwerkerschule an, um dort zur Erlangung einer Werkstattlehre einen Tageskurs zu besuchen. Ein Vierteljahr nach dem anderen verging, ohne daß wir trotz intensivster Bemühungen eine geeignete Stelle hätten finden können. Nach dreiviertel Jahren erschien H. plötzlich bei uns und erklärte, daß sie überhaupt nicht mehr Dekora* tionsmalerin werden wolle. Auf die Frage nach ihrem neuen Berufswunsch gab sie zur Antwort: „Buchdrucke r." Es lag zunächst die Annahme nahe, daß dieser Berufswunsch einer Neigung zu einem aparten Beruf entsprungen sei. Ansätze dieser Richtung hatten nämlich bereits bei früheren Besuchen in unserer Beratungstelle festgestellt werden können. Auf unsere Bitten, uns den Grund ihres veränderten Entschlusses anzugeben, erzählte sie, daß sie seit einiger Zeit Mitglied eines linksradikalen Jugendbundes sei, und daß es ihr widerstrebe, einen so bürgerlichen Beruf wie den der Theaterdekorationsmalerei zu ergreifen. Es war also augenscheinlich bei ihr eine Verschiebung der bei ihr früher sehr stark ausgeprägten Idee, ihren Beruf ihrer Begabung entsprechend zu wählen, zu Gunsten der bei den Besuchern unserer Beratungsstelle häufigen Tendenz eingetreten, ihren Berufswunsch einer bestimmten, ihr Leben beherrschenden Gemeinschaftsidee unterzuordnen. Es folgte dann eine sehr lange Unterhaltung über das revolutionäre Theater, über die Mission, die gerade sie vielleicht bei der Ausübung ihres Berufes zu erfüllen hätte. Auch die Vergleiche der beiden Berufe in Bezug auf ihre Beziehung zur Bürgerlichkeit nutzten nichts; sie wollte von ihrem neuen Berufswunsch nicht abgehen, zumal ihre Jugendgruppe augenscheinlich ihre Arbeit in dem zuletzt gewählten Beruf sehr wünschte. Ihr ganz besonders stark entwickelter Formensinn und ihre Fähigkeit, bestimmte Dinge künstlerisch anzuordnen, kamen ihr zu statten. Außerdem schien es zwar schwer, aber nicht unmöglich, eine 123

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