Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 6-7 (Dezember 1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Adlers Individualpsychologie es lehrt, sich der Lebensstil, der Charakter des Kindes bildet. Ist es z. B. unbeachtet geblieben, daß ein ehrgeiziges Kind Niederlagen scheut, so bleibt es der Berufsberaterin, die es neu kennen lernt, zuweilen unverständlich, warum seine Berufswahl trotz guter Zeugnisse sich nur zögernd und phantastisch vollzieht. In anderen Fällen lassen sich Berufswünsche, die weder Neigung noch Fähigkeiten, noch Zukunfts- «aussichten zu berücksichtigen scheinen, nur erklären, wenn man erfährt, daß sie hauptsächlich dazu dienen sollen, aus einer Familiennot herauszukommen. Die Berufsberaterin sieht sich nach allen Möglichkeiten um, die ihr das Leben und Streben des Jugendlichen deutlich machen können. Bei ihren aufklärenden Vorträgen in den Schulen sucht sie die Fühlung, baut sie aus durch Fragebogen, die von Schülern und Lehrern beantwortet werden und steht in Verbindung mit den in Frage kommenden Wohlfahrtseinrichtungen. Im Zusammenwirken der Schulpflege an den jüdischen Schulen und der jüdischen Berufsberatung in Berlin hat sich gezeigt, daß ein reibungsloser Geschäftsverkehr zwischen den Aemtern beim Austausch der Schulgesundheitsscheine und Fragebogen nicht ausreichend ist. Er ist die Vorbedingung für die Versorgung einer Anzahl einfach und übersichtlich gelagerter Fälle. Aber nur bei verantwortlicher Gemeinschaftsarbeit der Schulpflegerin und der Berufsberaterin können in lebendiger, vertrauensvoller Aussprache Differenzen geklärt werden, wenn z. B. Vorurteile der Eltern, Utopien der Jugendlichen und Härten des Wirtschaftslebens auszugleichen sind. Solche menschliche Vermittlungstätigkeit kann nicht durch Akten und noch so sorgfältige Gutachten ersetzt werden. Die Schulpflegerin kennt fast immer schon grade die schwierigen Jugendlichen. Oft erscheint ihr der Zeitpunkt der Berufswahl als eine Gelegenheit, die Zukunft eines Schützlings günstiger izu gestalten. Dies gelingt ihr nur mit Hilfe der fachlichen Kenntnisse des Wirtschaftslebens, die die Berufsberaterin bietet. Die Berufsberaterin allein kann nach kurzfristiger, wenn auch intensiver Beschäftigung, eine Frage, wie 3. B. ob eine Lehrstelle außerhalb der Familie anzustreben ist, nie ganz umfassend beurteilen. Hier kommen ihr die Wünsche und Meinungen der Schulpflegerin gelegen, die vielleicht für diesen Jugendlichen auf Grund langjähriger Kenntnis eingehendes Verständnis mitbringt. Den Vorteil der harmonischen Zusammenarbeit hat der Jugendliche, der sonst den widerstrebenden Meinungen unsicher gegenübersteht. In anderen Fällen erweist es sich als Wert, daß die Berufsberatung schon der erste Schritt in Neuland für den Jugendlichen bedeutet, daß die Verbindung mit der Schule ihm nicht zu deut- 115