Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 6-7 (Dezember 1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2709108-2709128-2709134--381-2709570- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite ein Uebeirajngebot an Lehrkräften herrscht. Die jüdische Volksschule erfährt keinerlei Unterstützung von Seiten des Staates und ist völlig auf die jüdische Gesellschaft angewiesen, die aber infolge ihrer Verarmung nicht mehr in der Lage ist, ihre eigenen Schulen zu erhalten. Deshalb ist ein großer Zustrom jüdischer Schüler in die kostenlosen staatlichen Volksschulen zu verzeichnen. Der einzige Erwerbszweig, in dem die Juden ökonomisch einigermaßen gesichert sind, ist die Landwirtschaft; nach der Zählung vom Jahre 1921 waren in Polen 259.147 Juden (5.7%) in der Landwirtschaft beschäftigt. Die Agrarpolitik der Regierung, die eine Zuerteilung von Boden aus dem Staatsfonds an die jüdische Bevölkerung fast unmöglich macht, gestattet damit keine Verbreiterung der landwirtschaftlichen Basis, so daß eine Ueberführung großer Massen jüdischer Deklassierter in die Landwirtschaft kaum in Betracht kommen kann. Zusammenfassend kann man über die ökonomische Lage der Juden in Polen folgendes sagen: Infolge der starken Konzentration der Juden in den Städten (in denen sie sich hauptsächlich mit Mittel- und Kleinhandel und -industrie befassen), der unverhältnismäßig schweren Steuerbelastung, infolge des starken Drucks der Konkurrenz und der Verdrängung, bei einer schwach entwickelten Kaufkraft der einheimischen Bevölkerung und nicht zuletzt infolge des großen Mangels an Umsatz- und Kreditkapital stehen die Juden am Beginn der völligen Pauperisierung. Diese muß um so sicherer eintreten, als der Prozentsatz der am Erwerbsleben nicht Teilnehmenden (Frauen, Kinder und Greise) bei den Juden ein unverhältnismäßig hoher ist; so kommen auf je 100 Erwerbstätige in der Industrie 215 und im Handel 275 Erwerbsunfähige, nicht mitgerechnet die 22 Prozent der Berufslosen („Bettler"), die 51 Prozent der Gesamtzahl der Deklassierten in Polen stellen. Es ist kein Zufall, »daß Hand in Hand mit der Erschütterung der ökonomischen Struktur der jüdischen Massen eine tiefgreifende Wandlung der Demographie der jüdischen Bevölkerung vor sich geht. So gibt das „Statistische Jahrbuch der Polnischen Republik" von 1928 folgende Zahlen iüber die Bewegung der jüdischen Bevölkerung in Polen an: Im Jahre 1926 waren bei den Juden 15.415 Eheschließungen, 60.518 Geburten und 30.380 Todesfälle zu verzeichnen; der natürliche Zuwachs betrug also in dem betreffenden Jahr 30.138 Köpfe. Vergleicht man diese Zahlen mit denen für das Jahr 1923, so kann man eine Verminderung der Eheschließungen im Jahre 1926 um 31.4% (bei der katholischen Bevölkerung nur um 12.1%), der Geburten um 11.6% (bei der katholischen Bevölkerung um 1.5%) und eine Vermehrung der Todesfälle um 8% (bei der katholischen Bevölkerung um 4.9%) feststellen. Der natürliche Zuwachs hat sich also im Jahre 1926 dem Jahre 1923 gegenüber um 24.2% (bei der katholischen Bevölkerung um 7.9%) vermindert. 105