Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 6-7 (Dezember 1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht direkt für den Konsumenten, sondern für den Vermittler (Fabrikant oder Wiederverkäufer)' arbeitet, wie z. B. Hand- Weber, Strumpf Stricker u. a. m. Die Angehörigen dieses Standes sterben massenweise buchstäblich vor Hunger. Der mechanische Webstuhl, die Strickmaschine rauben dem jüdischen Heimarbeiter jegliche Existenzmögüohkeit. Zur Arbeit an der Maschine hat er weder Qualifikation noch Zutritt. Ein Handwerker verdient bei einem 14- bis 15stündigem Arbeitstag kaum ein Fünftel dessen, was ein Fabrikarbeiter bei achtstündiger Arbeitszeit verdient. Wie steht es um den jüdischen Lohnarbeiter? Auch er hat einen schweren Kampf zu bestehen. Sein Kampf richtet sich aber vor «allem auf die Erlangung eines Arbeitsplatzes. Fast bis auf den heutigen Tag noch ist dem jüdischen Lohnarbeiter der Weg selbst zur jüdischen Fabrik verschlossen geblieben. Zu den nichtjüdischen Unternehmungen hat er erst recht keinen Zutritt. Sehr deutlich zeigt uns dies eine kleine Tabelle, die das Büro „Recht auf Arbeit" beim Landesrat der jüdischen Gewerkschaften in Polen vor kurzem veröffentlichte. Laut dieser Tabelle bildet die Zahl der in den Kommunalbetrieben (Gas-, Wasser-, Elektrizitätswerke u. dgl. mehr) beschäftigten Juden nur 1,4%, obgleich die Juden einen überaus hohen Prozentsatz der städtischen Bevölkerung stellen. In der Stadt Wilna, die eine 40prozentige jüdische Bevölkerung aufweist, sind nur 0,2% Juden in den Kommunalbetrieben tätig, in Lodz 0,5% usw. In den privaten nicht jüdischen Betrieben sind jüdische Arbeiter überhaupt nicht anzutreffen. Und es ist kein Zufall, daß die jüdischen Lohnarbeiter in überwiegender Zahl in kleinen Betrieben (mit etwa 1 bis 10 Arbeitern) beschäftigt sind. Der Kampf des jüdischen Lohnarbeiters um den Arbeitsplatz nimmt in letzter Zeit in Polen einen heftigen Charakter an. Es dürfte noch in Erinnerung sein, daß in Lodz die polnischen Arbeiter einer jüdischen Fabrik einen zehntägigen Streik durchführten, weil der jüdische Fabrikant sich erlaubt hatte, einen Juden als Arbeiter anzustellen. Es ist bedauerlich, feststellen zu müssen, daß der jüdische Lohnarbeiter in diesem Kampfe von der polnischen sozialistischen Partei nicht nur nicht unterstützt, sondern .sogar noch bekämpft wird. Nicht besser steht es um die Angehörigen der Freien Berufe. Auch gegen sie ist in letzter Zeit eine energische Boykotthetze in die Wege geleitet worden. Überall wird der jüdische Intellektuelle aus seiner wirtschaftlichen Position verdrängt und brotlos gemacht. Zum Staatsdienst läßt man Juden kaum zu, sie sind also fast durchweg auf die jüdische Bevölkerung als Klientel angewiesen. Besonders schlimm ergeht es dem jüdischen Lehrer. Fast überall in den jüdischen Kleinstädten entstehen staatliche Volksschulen, die Zahl der Schüler in den gesellschaftlichen jüdischen Schulen ohne Unterschied der Richtung (hebräisch oder jiddisch) verringert sich immer mehr, während auf der anderen 104