Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 6-7 (Dezember 1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Milliarden Zloty, die der Haushaltsplan vorsieht, sollen aus dem Ertrag der Grund- und Bodensteuer nur 100 Millionein Zloty, dagegen etwa 600 Millionen — also mehr als 50% — durch Umsatz- und Einkommensteuer, d. h. von Seiten des Handels und der Industrie gedeckt werden, obgleich die Landbevölkerung 65% der Gesämtbevölkerung bildet und die beiden obengenannten Gruppen nur 23% ausmachen. Hinzu kommt das keineswegs unwichtige Moment der Zwangssonntagsruhe, durch das der jüdische Händler an zwei Tagen zu feiern gezwungen ist. Aber auch der jüdische Handwerker in Polen befindet sich zurzeit in einer bedrohlichen Situation. Betrachten wir zunächst einige Ziffern: Laut der Volkszählung von 1921 waren etwa 30% der jüdischen Bevölkerung Polens im Handwerk beschäftigt und bildeten 45,5% der Gesamtzahl selbständiger Produzenten im Lande (in manchen Gebieten sogar 60—75%). In überwiegendem Maße handelt es sich bei den jüdischen Handwerkern um kleine selbständige Betriebe, in denen außer dem Besitzer und eventuell seinen imitarbeitenden Familienmitgliedern entweder gar keine Lohnarbeiter (bei etwa 48%) oder höchstens 1 bis 2 bezahlte Kräfte beschäftigt wurden. Sehr schwierig gestaltet sich die Lage des jüdischen Handwerkers durch den Mangel an Kredit. Staats- oder Bankkredit erhält er überhaupt nicht; der Kredit, den ihm die jüdischen Kooperativen gewähren, kann ihm nicht genügen, da er viel ziu gering ist, so daß er Privatkredit gegen hohe Verzinsung aufnehmen muß. Die Zollpolitik der Regierung (hohe Einfuhrzölle auf Rohstoffe und niedrige auf Fertigfabrikate), der Mangel an neuzeitlichen qualifizierten Produktionsmitteln sowie die Konkurrenz der wachsenden Fabriken sind Faktoren, die die Lage des jüdischen Handwerkers immer schwieriger gestalten. Die Zwangssonntagsruhe bedeutet einen weiteren Nachteil für ihn. Aber weit schwererwiegend als die obengenannten Ursachen, die immerhin noch zu überwinden und bei einem anderen Regierungskurs vielleicht auch zu regeln wären, ist die Erscheinung-, daß die Zahl der Handwerker in Polen in stetem Wachsen begriffen ist, wodurch naturgemäß eine starke und ungesunde Konkurrenz entsteht. Das polnische Dorf drängt alljährlich viele Zehntausende von Bauern, die es nicht mehr ernähren kann, in die Stadt. Dies ist zwar keine typisch-polnische Erscheinung, wir begegnen ihr auch in Rußland, in Deutschland und anderen Agrarländern. In Polen jedoch nimmt die sogenannte „Binnenwanderung44 andere Formen an. Der verarmte polnische Bauer wendet sich eher dem Bandwerk zu, als daß er Fabrikarbeiter wird. Diese zugewanderten Bauern genießen die besondere Fürsorge des Staates. Auch von Seiten des jüdischen Kleinhandels, der sich mehr und mehr dem Verfall nähert, fließen den Reihen des Handwerks neue Mitglieder zu. Außerordentlich bedrohlich ist die Lage der Heimarbeiter, desjenigen Teils der jüdischen Handwerker, der 103