Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 6-7 (Dezember 1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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3. in der Monopol- und „Konzessions"-Politik des Staates, die sich im wesentlichen auf Exportwaren — in erster Reihe auf Getreide, Fleisch und Alkoholgetränke — erstreckt. Die Juden, in deren Händen sich bis vor kurzem der gesamte Handel konzentriert hatte, werden nun allmählich aus dem Handel verdrängt. Besonders kraß zeigt sich der Prozeß der Ausstoßung in den Großstädten, wo der Großhandel zum größten Teil die Form von Trusts, Aktiengesellschaften annimmt und die Kooperativbewegung stark entwickelt ist (so ist z. B. der Anteil der Juden am Warschauer Handel von 80% der Vorkriegszeit «auf 55% gesunken). Aber auch in der Kleinstadt erwächst dem jüdischen Händler ein unerbittlicher Konkurrent. Ueberall dort, wo eine landwirtschaftliche oder Konsum-Genossenschaft ihre Pforten öffnet, setzt der Ruin der jüdischen Händlerschaft ein, da ihr die Dorfbevölkerung ials Kunde verloren geht. Ueber das Prosperieren der Konsumgenossenschaften in Polen informieren wohl am besten folgende Ziffern: Während im Jahre 1926 der Umsatz des Verbandes der Konsumgenossenschaften in Kongreßpolen und den östlichen Randgebieten 54,5 Millionen Zloty ausmachte, sehen wir, daß er im Jahre 1927 bereits die Höhe von 80,3 Millionen Zloty erklommen hat, also um zirka 47% gestiegen ist. In den kommenden Jahren ist — aller Voraussicht nach — eine weitere starke Zunahme zu erwarten. Aber außer dieser, durch die natürlichen Gegebenheiten der ökonomischen Entwicklung bedingten Ursache (Verdrängung des privaten Handels im allgemeinen) sind vielfache Unternehmungen zu verzeichnen, die darauf gerichtet sind, den jüdischen Handel zu untergraJben. In erster Reihe sei hier die antisemitische Boykotthetze unter der Losung „Swoj do Swego" („Jeder kaufe bei dem Seinigen") erwähnt, die ständig wächst. Bezüglich der Monopolpolitik der Regierung muß festgestellt werden, daß sie sich zwar nicht direkt gegen den jüdischen Handel richtet, ihn jedoch in erster Reihe trifft. So bedeutet z. B. das Projekt des Getreidemonopols einen furchtbaren Schlag für den jüdischen -Handel, da der gesamte Getreidehandel in jüdischen Händen liegt. Ebenso schlimm steht es mit der Konzessionserteilung für Ausschank- und Gastwirtsbetriebe, die nur noch an Nichtjuden vergeben wird. Außerordentlich drückend sind die schweren Steuerlasten, die zwar nicht nur den jüdischen Händler treffen, unter denen er aber de facto am stärksten zu leiden hat. Die polnische Regierimg, die ihre Hauptstütze in der Dorfbevölkerung sieht» führt eine Steuerpolitik, die besonders die Stadtbevölkerung belastet; und mit Recht stellte der jüdische Sejmabgeordnete Dr. Grünbaum anläßlich der letzten Etatdebatte die Behauptung auf, daß die Juden, obgleich sie nur 10% der Bevölkerung darstellen, etwa 40% des gesamten Etats decken. Charakteristisch ist hierfür der Etat der polnischen Regierung für das Jahr 1928/29. Von den 1,3 102