Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 6-7 (Dezember 1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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PROBLEME DER JÜDISCHEN WIRTSCHAFT IN POLEN VON DR. S. KALEKO, BERLIN Das jüdisch-ökonomische Leben Polens macht in den letzten Jahren eine schwere Krisis durch. Ein tiefgreifender Ausstoßungsprozeß, der die jüdische Wirtschaft in allen ihren Zweigen erfaßt, macht sich stark fühlbar. Die früheren Erwerbsquellen versiegen von Tag zu Tag immer mehr, während neue noch nicht erschlossen werden können. Betrachten wir vorerst folgende interessante Ziffern: Laut der Zählung vom September 1921 belief sich die Zahl der jüdischen Bevölkerung 'auf 2,845.364, d. i. 10,5 Prozent der gesamten Bevölkerungsziffer Polens. 87,9% der jüdischen Bevölkerung waren in den Städten ansässig, und zwar zum größten Teil in Kleinstädten mit einer Einwohnerzahl von etwa 500 bis 1000 Köpfen. Hier bildeten sie 60 bis 80% der Gesamtbevölkerimg. In der Landwirtschaft arbeiteten 5,7%, in Industrie und Handwerk 34,1%, im Handel 41,2% und in sonstigen Berufen 19%. Wir begegnen hier einer Erscheinung, die für die ökonomische Lage der Juden in Osteuropa — und nicht nur für diese — typisch ist: Niedriger Prozentsatz der Juden in der Landwirtschaft (Nicht juden: 64,3%) und ungewöhnlich hoher Prozentsatz der im Handel beschäftigten Juden (Nichtjuden: nur 9,5%). Diese Angaben sind Durchschnittsziffern für das Gesamtgebiet Polens, es treten verschiedene für manche Gebiete starke Abweichungen auf, insbesondere was den Handel betrifft. Der Prozentsatz der im Handel beschäftigten Juden steigt ungeheuer in den Kleinstädten wie auch in den Gebieten, in denen die Beteiligung der Juden an der Gesamtbevölkerungsziffer stärker ist (z. B. in den Randgebieten und zum Teil «auch in Kronpolen). Innerhalb der Gesamtzahlen der handeltreibenden Bevölkerung stellen die Juden etwa 62% dar, in Industrie und Handwerk 26,5%. Diese Zahlen sprechen von der Statik der jüdisch-ökonomischen Struktur in Polen im Jahre 1921. Welche Veränderungen können wir heute unter den Wirkungen der wirtschaftlichen Umwälzungen der letzten Jahre verzeichnen? Am stärksten ist der jüdische Handel von der Krisis der letzten Jahre betroffen worden. Hierbei spielten sowohl allgemeine, in der Natur der ökonomischen Entwicklung des Landes begründete Ursachen mit als iauch die Erscheinung* daß in Polen gegen den jüdischen Handel gerüstet wird. Vor allem konstatieren wir einen allgemeinen Rückgang des privaten, insbesondere des Mittel- und Kleinhandels während der letzten Jahre, dessen Begründung in folgenden Tatsachen zu suchen ist: 1. Im Verschwinden des russischen Mtarktes für die polnische Industrie, 2. in der verstärkten und vom Staate proteigierten Kooperativbewegung, die die Ausschaltung des Vermittlers zwischen Produzenten und Konsumenten zum Ziele hat, und 101