Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 5 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Vereinigte Zentrale für jüdische Arbeitsnachweise hat den Präsides tea der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung schon zu Beginn dieses Jahres (s. Jahrg. II, Heft 1 d. Zeitschrift) auf diesen Uebelstand hingewiesen. Damals allerdings im Zusammenhange mit der weit schwerer wiegenden Frage, ob das Arbeitsamt einen jüdischen Erwerbslosen bei Verlust der Erwerbslosenunterstützung zwingen könne, eine Arbeitsstelle anzunehmen, die auch Sonnabendarbeit notwendig macht. Diese Frage harrt noch ihrer Entscheidung im gesetzlich vorgesehenen Spruchverfahren, nachdem sowohl der Reichsarbeitsminister als auch der Präsident der Reichsanstalt eine Entscheidung abgelehnt haben. In der ersten Frage hingegen hat nun die Reichsanstalt einen Bescheid ergehen lassen. Es wird nunmehr als genügende Entschuldigung im Sinne des § 114 AV- AVG gelten gelassen, wenn ein arbeitsloser orthodoxer Jude an einem Sonnabend oder jüdischem Feiertage die Erstattung der Meldung vom Arbeitsamt aus religiösen Gründen unterläßt. (Bescheid des Präsidenten der Reichsanstalt vom 29. Sept. 1928. Geschäftszeichen III 656/28 Br.) Die Aussichten im kaufmännischen Beruf Im April vorigen Jahres .gab es im Deutschen Reich 1,643 000 Arbeitsuchende, darunter von der verhältnismäßig kleinen Angestelltengruppe 13,745%. Im Mai 1928 war die Gesamtzahl der Arbeitsuchenden gegenüber dem Vorjahr zwar auf 1,246.457 zurückgegangen, der Prozentsatz der Angestellten hat sich aber auf 14,422% erhöht. Es ist bekannt, daß unter den stellenlosen Angestellten sich eine verhältnismäßig große Anzahl älterer Angestellter im Alter von 40 Jahren an befindet. Dagegen besteht in der Wirtschaft für junge kaufmännische Angestellte, besonders für Lehrlinge, eine starke Nachfrage. Dadurch wird das Berufsalter der kaufmännischen Angestellten stark herabgesetzt, und eine große Anzahl Angestellter wird in dem Alter, in dem sie ihre höchste Leistungskraft entfalten können, aus dem Beiruf ausgeschieden und damit für ihr Leben lang stellenlos gemacht. Eine sichere Existenz im kaufmännischen Beruf ist also nur unter sehr schwierigen Umständen zu erreichen. Es kann darum allen Interessenten nicht dringend genug empfohlen werden, sich nur nach sehr reiflicher Ueberlegung und nach illusionsloser Einschätzung der Anlagen und Fähigkeiten der jungen Menschen für den kaufmännischen Beruf zu entscheiden. Daß diese Forderung nicht immer berücksichtigt wird, zeigt z.B. eine Feststellung bei den Aufnahmeprüfungen an der öffentlichen Handelsschule der Stadt Saarbrücken im Schuljahr 1927/28, wo von 739 an den Aufnahmeprüfungen beteiligten Schülern bezw. Schülerinnen 176, das sind rund 24%, den Mindestanforderungen nicht entsprochen haben. Die Mindestanforderungen hat man den Kenntnissen gleich gesetzt, die ein Schüler beim Abgang der Volksschule sieh erworben haben kann. Dabei ist man bei der Beurteilung der Prüfungsergebnisse noch außerordentlich loyal verfahren. Schärfste Auslese der Tüchtigen ist also notwendig. Das Lehrstellenangebot ist i» diesem Jahr wie im Vorjahr außerordentlich groß. Die Lehrstellen, die bei den öffentlichen und gewerkschaftlichen Vermittlungen für den kaufmännischen Beruf angemeldet sind, können bei weitem nicht alle besetzt werden. Das hat für die Lehrstellensuchenden den außerordentlichen Vorteil, daß sie sich unter den vorhandenen die besten Stellen heraussuchen können, und daß sie nicht ohne weiteres auf alle Bedingungen einzugehen brauchen, die ihnen von den betreffenden Firmen gestellt werden. Es besteht also in stärkeren* Maße als bisher die Möglichkeit, daß die Eltern unter Benutzung der Berufsberatungsstellen sich gute Lehrstellen sichern und gute Ausbildungsbedingungen fordern können. Konferenz der jüdischen Kreditgenossenschaften in Warscha» In diesen Tagen wurde in Warschau eine Konferenz von Delegierten der 108 jüdischen Kreditgenossenschaften des Warschauer Rayons abgehalten. Im Namen der Joint-ICA- Foundation begrüßte Dr. Werner Senator, Im Namen des jüddschen Parlamentsklubs Abg. Hartglas die Konferenz. Einen Bericht über die Lage der Kreditgenossenschaften erstattete Ing. Szaszkes. Die auf der Konferenz vertretenen 108 Genossen- 93