Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 5 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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So wird die Not der Handelsvertreter und der Handelsreisenden ganz deutlich vor allem zum Problem des alten Angestellten, das niemals deutlicher als in der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Berlin am 19. August 1927 gekennzeichnet wurde. In einem Bericht über die Versammlung heißt es, daß lebhafte Klage geführt worden sei darüber, daß die Mehrzahl der Kaufleute bei der Einstellung von Angestellten ältere, erfahrene Leute übergehe und jüngere oder weibliche Kräfte bevorzuge. Dieses Gebahren habe dazu geführt, daß die Stellenlosigkeit der älteren kaufmännischen Angestellten erschreckende Formen angenommen habe. Im Interesse des Kaufmannstandes müsse auf diese Mißstände besonders hingewiesen werden. Man solle sich klar machen, wie viele bewährte, erfahrene und branchekundige Kräfte durch diese kurzsichtige Vernachlässigung zum Schaden der deutschen Volkswirtschaft brachliegen müssen, und daß die größere Umsicht und Erfahrung, die den älteren Leuten eigen ist, sich in den meisten Fällen reich bezahlt machen würde. Zum Schluß wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die einsichtige Kaufmannschaft in Zukunft von der bisherigen Gepflogenheit absehen werde. Hoffentlich fällt dieser Aufruf der Berliner Handelskammer auf fruchtbaren Boden, damit das erschütternde Elend und die ständig um sich greifende Verbitterung brauchbarer und wertvoller Arbeitskräfte endlich unterbunden wird. Es liegt nicht nur im Interesse der Vertreter und der älteren Angestellten, sondern auch in dem des kaufmännischen Nachwuchses, wenn diesen Zuständen entgegengetreten wird. Es sind nicht nur die sogenannten „Auch-Kaufleute", die auf diese Weise versuchen, auf Kosten der wirtschaftlich Schwächeren sich eine Existenz aufzubauen, sondern, wie es auch von der Berliner Industrie- und Handelskammer betont wird, angesehene Firmen, die dem üblen Beispiel gefolgt sind, wenn auch nicht mit der ganzen Rigorosität, wie sie hier geschildert werden mußte. Man hilft durch Vorschüsse nach, vergißt aber, daß die Umsatzmöglichkeiten bei der großen Zahl Vertreter zu gering und die Unkosten deshalb für die einzelnen viel zu hoch sind. Ein alter Vertreter, eine sogenannte „Verkaufskanone", der in seiner fast vierzigjährigen Vertreterpraxis nur erste Häuser vertrat, und der angeblich über einen umfangreichen Kundenkreis verfügt, sagt hierzu: „In der Praxis wirkt sich dies sonderbare Geschäfts Verhältnis etwa folgendermaßen aus: Der Handelsvertreter erhält, da er eigene Barmittel nicht mehr besitzt, von seinem Hause zunächst einen Reisespesenvorschuß ä conto Provision» Bringt er in entsprechender Zeit einen Umsatz herein, dessen Provision diesen Vorschuß deckt, so erhält er ohne weiteres einen neuen Vorschuß. Ist dies aber demnächst nicht der Fall, so erhält er zwar trotzdem auf seine Anforderung vorschußweise weitere Reisekasse, immerhin aber mit der leisen Mahnung, seinen 91