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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1928-11-01 · 5 (November 1928) · page 18

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
5 (November 1928)
Date
1928-11-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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den zu sein. Viel zu sehr wird die soziale Gesetzgebung als wirtschaftliche Belastung betrachtet. Der Kulturfortschritt, der In ihr liegt, sollte dagegen wesentlich mehr auch als wirtschaftliches Plus anerkannt werden» Der Mitarbeiter* der nicht jeden Tag erneut mit alter Sorge an sein Tagewerk geht, wird wesentlich wertvoller sein als derjenige, der mit Hangen und Bangen an den morgigen Tag denken muß. Das Damoklesschwert der täglichen Entlassungen, des Nichtverkaufes und damit des Nichtverdienens, das Eintreten einer Krankheit, für die man nicht Vorsorgen konnte, alles das sind Momente, die auf die Arbeitskraft einen verheerenden Einfluß ausüben müssen. Unzählige ältere Handlungsgehilfen, die glaubten* da ihnen alle anderen Stellungen in ihrem Berufe verschlossen sind, nunmehr auf diesem Gebiete noch etwas erreichen zu können, haben böse Erfahrungen machen müssen. Es ist daher ganz verständlich, daß nun die meisten weitere Versuche scheuen, da allzuviele Opfer bereits gebracht werden mußten. Da wendet man sich nun an die jüngeren und jüngsten erwerbslosen Angestellten, Leute ohne jede Erfahrung, denen man große Verdienstmöglichkeiten in Aussicht stellt, und denen das angeblich „freie Leben44 des Vertreters als etwas ganz besonders schönes erscheint. Mit Freuden gehen diese jungen Leute auf die verlockenden Angebote ein, ohne zu wissen, wie schädlich ihre Tätigkeit für ihr späteres Fortkommen wirken kann; vielfach wird die eingenommene feste Stellung aufgegeben, und hinterher ist dann guter Rat teuer. Auf diese Weise werden junge Leute von 18, 19 und 20 Jahren zu Vertretern, das sind nach dem Handelsgesetzbuch selbständige Kaufleute, gemacht, ohne daß sie von den Rechten und Pflichten eines ordentlichen Kaufmannes eine Ahnung haben. Wie verheerend das auf den kaufmännischen Nachwuchs einwirken muß, kann nur der ermessen, der sich berufsmäßig mit diesen Fragen zu beschäftigen und der täglich immer wieder die Opfer dieser unheilvollen Entwicklung vor sich hat. Wie viele hoffnungsvolle junge Menschen mußten straucheln, weil ihnen die vorgetäuschten Verdienste zur Fata Morgana wurden, und die nun aus Angst vor dem „Nichts44 zur Praxis der fingierten Aufträge schreiten, um entsprechende Provisionsvorschüsse zu bekommen*). Alle diese Menschen, und es waren nicht immer die schlechtesten, gehen dem kaufmännischen Nachwuchs und dem Berufstand dann verloren. Aus diesen Verhältnissen kommen die Klagen über zunehmende Unehrlichkeit, mangelnden Arbeitswillen usw. *) Der Politisch-Gewerkschaftliche Zeitungsdienst Nr. 39/2 berichtet über eine kürzlich vor dem Schöffengericht in Breslau verhandelte Anklage gegen einen 64jährigen Reisenden wegen Betruges — er hatte Vertretungen für mehrere Firmen gegen Proviaion übernommen und die Reisevorschüsse nicht abdecken können — und wegen Unterschlagung — weil er Muster verpfändet hatte. Die Verhandlung warf so grelle Schlaglichter auf die wirtschaftliche Not des Angestellten und das allgemeine Unwesen der Provisionsvertretungen, daß wegen beider Anklagen Freisprechung erfolgte, nachdem hinsichtlich des Betruges der Staatsanwalt selbst hierfür (plädiert halte. 90

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