Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 5 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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mein Leid. Aber was bekam ich zu hören. „Wir können Ihnen in dieser Beziehung nicht helfen, nur wenn Sie weiter fahren wollen, können wir eine Fahrkarte geben." Meinen Entgegnungen, daß ich nicht reisen will, wurde kein Gehör geschenkt. Ich nahm die Karte nicht an und blieb in der Stadt Meine Hoffnungen, Gelegenheitsarbeit au bekommen, schlugen fehl, und da mir keine Hilfe vom Jüdischen Wohlfahrtsamt zuteil wurde, fuhr ich nach F., wo ich geboren bin, aber niemanden mehr habe, der für mich sorgen kann. Aber wie bitter wurde ich auch hier enttäuscht. „Sie sind Deutscher, Sie bekommen nichts von uns, gehen Sie an das Städtische Wohlfahrtsamt." Ich ging hin, wurde abgewiesen, weil ich schon zu lange von F. weg sei und sie nicht mehr für mich zuständig wären. In meiner Not — die Nacht hatte ich nicht geschlafen — ging ich nochmals zum Jüdischen Wohlfahrtsamt. „Was wollen Sie wieder hier, wir können Ihnen nicht helfen, wo wollen Sie hinfahren?" Und weiter herumfahren wollte ich nicht. Da, den Tag werde ich in meinem Leben nie vergessen, als ich keinen anderen Ausweg mehr fand, als ich nicht wußte, wo ich nachts schlafen sollte und großen Hunger hatte, da erst wurde ich ein Schnorrer. Ich fing an, die Landgemeinden aufzusuchen, und als ich meinen Hunger stillen konnte und Geld bekam, da betrieb ich dies weiter. So wurde ich einer, der auf den Zentralkassen schlecht angeschrieben ist. Und nun frage ich, wer trägt da die Schuld? Ein bekanntes Sprichwort sagt „Keine Regel ohne Ausnahme". Mein Weg führte mich auch nach M., trotzdem ich wußte, daß man da nichts bekommt. Ich ging ins Büro zu Ihnen. Sie erkannten mich und saerten: „Wenn Sie arbeiten wollen, kann ich Ihnen helfen. Sind Sie morgen früh um 8 Uhr hier." Aber verbittert über alle Beamten der Zentralkassen dachte ich, das ist doch nichts und kam nächsten Morgen nicht. Ich schnorrte weiter, aber es ließ mir doch keine Ruhe, was Sie zu mir sagten: Wenn Sie arbeiten wollen, kann ich Ihnen helfen. Dies hatte ich bisher an keiner Kasse gehört. Ich war verzweifelt und glaubte gar nicht daran, daß ein Mensch Interesse daran haben könne, mir Arbeit zu geben. Willig zu arbeiten, kam ich nochmals nach M. zu Ihnen. Trotzdem von den Zentralkassen vor mir gewarnt wurde, wiesen Sie mich nicht ab, sondern halfen mir; nicht mit einer Fahrkarte und nicht mit Geld, wie es allerorten geschieht, sondern gaben mir Gelegenheit, daß ich hierbleiben und mich nach Arbeit umsehen kann. Das nenne ich Hilfe, nicht den Menschen, der nicht weiß, wo er hin soll, wie ein Stück Vieh in der Welt herumzuhetzen, sondern ihn dazubehalten und ihn anzuregen, daß er arbeitet. DIE SOZIALE STRUKTUR DER JÜDISCHEN BEVÖLKERUNG IN SOWJET-RUSSLAND (nach den Ergebnissen der Volkszählung vom 17. Dezember 1926) VON N. GERGEL, BERLIN Die allgemeine Volkszählung, die am 17. Dezember 1926 stattfand, war die erste Zählung, die sich über das ganze Territorium der Union der Sowjet-Republiken erstreckte und unter normalen Bedingungen durchgeführt wurde. Die Ergebnisse dieser Zählung haben deshalb außerordentliche Bedeutung. Sie geben ein Bild der Gesamtbevölkerung der Sowjetstaaten und enthüllen die Aenderungen, die im Laufe der dreißig Jahre, die seit der ersten allrussischen Volkszählung im Jahre 1897 vergangen 77