Mannheim
Compact Memory

Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1928-11-01 · 5 (November 1928) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
5 (November 1928)
Date
1928-11-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2709108-2709128-2709133--351-2709539
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wurde. Er geht zum Verwalter, und da legt ihm dieser ein Sparkassenbuch vor, in dem die Beträge eingezahlt sind und Zinsen tragen. Dieses Sparkassenbuch soll der Notpfennig sein, wenn der Heiminsasse Stellung gefunden hat und anderweitig tätig ist. „Stellung gefunden hat?!" — Ja! Während seines Aufenthaltes im Hilfsheim, wie wir es einmal nennen wollen, werden Mitglieder der jüdischen Kaufmannschaft, die das Heim überwachen, oder deren Gattinnen mit dem Heiminsassen bekannt werden und ihn beraten. Jüdische Geschäftsleute werden die Arbeitsvermittlungsstelle, die mit dem Heim in Verbindung steht, in Anspruch nehmen — und den im Heim Bewährten anstellen. Die Brücke ist geschlagen und die menschliche Gesellschaft ist sicher, ein Werk getan zu haben. Nuir durch Gründung solcher Heime, die nicht in Landorten liegen sollen, da von dort für den entlassenen jüdischen Häftling keine Fortentwicklung ist, kann sich die Gesellschaft davor bewahren, Verbrechertum zu produzieren. Sehr geehrter Herr! 6. I. 28. Den Artikel „Bekenntnisse eines Schnorrers", den Sie veröffentlichen ließen, habe ich gelesen und möchte ich mir erlauben, zu diesen Ausführungen doch noch etwas hinzuzufügen. Vor allen Dingen klingt es für mich als Leidensgenosse märchenhaft, daß der Herausgeber des Artikels M. 50.000 geschnorrt haben will. Ich kenne Schnorrer, die schon ihr Leben lang auf der Medine sind, aber so weit haben sie es noch nicht gebracht. Vielmehr möchte ich behaupten, und zwar aus eigener Erfahrung und auf Grund eigener Beobachtungen, daß die meisten herumreisenden jüdischen jungen Leute froh sind, wenn sie ihr täglich Brot haben und wissen, wo sie übernachten können. In dem Artikel ist es sich zur Aufgabe gemacht worden, das Schnorren zu geißeln. Die Juden werden in den Glauben versetzt, daß der Schnorrer sozusagen lebt wie „Gott in Frankreich", daß alles, was er erzählt, sich auf Lug und Trug aufbaut, und daß er das Schnorren nicht nötig hat, sondern es tut, weil er ein bequemes Leben haben und nicht arbeiten will. Aber eins vermisse ich in dem Artikel. Die Frage, wer den arbeitslosen jüdischen jungen Mann zum Schnorren bringt. Und da behaupte ich als einer, der auch schnorren gehen mußte, um leben zu können — und viele meiner Leidensgenossen werden sicherlich diesem beipflichten -— daß zum großen Teil die Beamten, die auf den Zentralkassen tätig sind, Schuld haben. Ich sage zum großen Teil, natürlich nicht alle. Denn ist das Fürsorge, was auf den Zentralkassen getrieben wird? Nein! Warum mußte in K. vor zwei Jahren — ich weiß nicht, ob es heute noch so ist — Tag für Tag die Polizei auf das Gemeindebüro kommen und die Petenten gewaltsam entfernen. Vielleicht, weil man ihnen helfen wollte! Doch sicherlich nicht, sondern weil man jede Hilfe verweigerte. Wenn man wo ankommt und sagt, man will in der Stadt bleiben und arbeiten, das ist das erste, was man gesagt bekommt: Wir können Ihnen in dieser Beziehung nicht helfen, Sie bekommen eine Fahrkarte, wo wollen Sie hinfahren? Nimmt man die Karte nicht an, dann wird man in ganz Deutschland gemeldet als ziel- und planloser Schnorrer. Und kommt man wieder in einer anderen Stadt an die Zentralkasse, da heißt es schon, Sie sind ein Schnorrer, Sie bekommen nichts mehr. Und von wem muß man sich das sagen lassen! Leider — manchmal von jungen Mädels. Ich möchte mir erlauben, einen Beweis für das Erwähnte zu bringen. Im Jahre 1926 wurde ich arbeitslos. Ich fuhr in eine rheinische Stadt und hoffte da, die Wohnung meiner Mutter, die leider Gottes in eine Nervenheilanstalt gebracht worden war, vorzufinden. Aber in der Zeit hatte die Stadt alles verkauft, um die Kosten für die Anstalt zu decken. Mein erster Gang war zum Arbeitsamt. Ich meldete mich da an wegen Arbeitslosenunterstützung und bekam gesagt, sobald ich eine Wohnung habe, bekomme ich solche. Was jetzt tun! Geld hatte ich keins mehr, denn mein Verdienst war minimal gewesen. Ich ging an die jüdische Passantenkasse und klagte da 76

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.