Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 4 (Oktober 1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2709108-2709128-2709132--337-2709524- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
deshalb langsam erfolgen, allmählich müssen die für sie geeigneten Gegenden festgestellt werden. Nur nach langer und planmässiger Arbeit und Sicherung der bereits von uns besetzten Arbeitsstellen kann man zur Anwerbung neuer Stellen übergehen. Dieselbe Vorsicht und dasselbe allmähliche Vorgehen muß überhaupt bei der Gesamtunterbringung unserer Kandidaten befolgt werden. Auf keinen Fall dürfen wir erlauben, daß das Stadium der Lohnarbeit übersprungen wird und die Leute direkt als Pächter Beschäftigung aufnehmen. Denn abgesehen von den Kandidaten, die in ihrer Heimat nur sehr geringe Kenntnisse von der Landwirtschaft und den speziellen Verhältnissen in Frankreich hatten, und die hier erst beruflich ausgebildet werden müssen, ist es auch für jene, die in ihrer Heimat bereits als landwirtschaftliche Arbeiter oder als selbständige Landwirte gearbeitet haben, erforderlich, den Weg des Lohnarbeiters durchzumachen, um alle Eigenarten der französischen Landwirtschaft mit ihrer speziellen Technik und ihren eigenen Methoden, sowie insbesondere die französische Sprache kennen zu lernen. Wir werden leider in diesem Fall mit der Ungeduld unserer Arbeiter, die die Notwendigkeit einer ernsthaften Vorbereitung nicht immer anerkennen wollen, kämpfen müssen. Immer wieder haben sie die Absicht, ohne die notwendigen Etappen ihr Endziel, ein gewisses Maß von Selbständigkeit zu erreichen. Vor dieser Eile kann nicht dringend genug gewarnt werden. Wenn auch nicht aus unserer eigenen kurzen Praxis, so können wir doch aus den Erfahrungen der anderen Völker, deren Angehörige als landwirtschaftliche Arbeiter nach Frankreich einwandern, lernen, daß nur jene Leute sich durchsetzen konnten, die fachlich gut qualifiziert waren, und daß die anderen, die sich diese Qualifikationen nicht im Lande erworben hatten, in kurzer Zeit ihre Selbständigkeit verloren und Schiffbruch erleiden mußten. Das abgeschlossene zweite Jahr unserer landwirtschaftlichen Aktion hat also noch deutlicher als das erste bewiesen, daß die Möglichkeiten zur Schaffung einer jüdischen Bauernsiedlung in Frankreich gegeben sind. Die hiefür notwendigen objektiven Voraussetzungen sowie die sozialökonomischen Bedingungen sind günstig. Die Aktion hat im zweiten Jahr auch deutlicher die Richtlinien für die künftige Arbeit aufgezeigt und uns eine reiche Fülle von Erfahrungen gebracht. Ohne das bisher Ansätze Erreichte zu überschätzen, kann doch konstatiert werden, daß die einer jüdischen Bauernsiedlnng in Frankreich schon vorhanden sind. 63