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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1928-09-01 · 3 (September 1928) · page 21

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
3 (September 1928)
Date
1928-09-01
Page
– (sequence 21)
Language
German
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erfuhren, daß es sich bei D. um einen Jungen handle, der als Kind nicht die geringsten Erziehungsschwierigkeiten gemacht habe, der aber seit Anfang der Pubertätszeit kleine Eigentunisvergehen begangen habe. Wir sollten dies bei Beschaffung der Lehrstelle berücksichtigen. In unserem Warteraum ist D. einer der Lautesten, in der Sprechstunde benimmt er sich zunächst sehr rüpelhaft, bis er bemerken muß, daß dieses Betragen auf uns keinen anderen Eindruck macht, wie wenn er sich normal verhielte. Darauf wird er ernsthaft und äußert seine verschiedenen Berufswünsche, die Turnlehrer und Autoschlosser, Elektrotechniker und technichen Kaufmann umfassen. Es ist sehr schwer, einen Weg für ihn zu finden. Seiner ganzen Art nach würde er ein guter Kaufmann werden, aber aus verschiedenen ideologischen Gründen zieht er einen handwerklichen Beruf vor. Seine Zugehörigkeit zum Bund spielt die entscheidende Rolle, wie dies auch bei dem Berufswunsch des Turnlehrers der Fall ist. Die Untersuchung beim Arzt ergab, daß er für alle Berufe geeignet, die Prüfung beim Landesberufsamt, daß ihm trotz guten technischen Verständnisses eher zum Kaufmann als zum Handwerker zu raten sei. D. bleibt dabei, Handwerker, und zwar Autoschlosser werden zu wollen. Da bis zum Schulentlassungstermin noch eine lange Zeit ist, sind die Lehrstellen reichlich. D. erhält eine der besten Lehrstellen in der W'erkschule eines Großbetriebes nachgewiesen. Zunächst zeigt er große Freude, vor allem bedeutet es viel für ihn, als einer der ersten der Klasse eine Lehrstelle gefunden zu haben. Wenige Tage vor dem Schulabgang kommt er und erklärt, daß er sich doch zu schwächlich für diesen Beruf fühle, und daß er lieber in einen Beruf gehen möchte, in dem er neben dem Handwerk auch den kaufmännischen Beruf erlernen könne. Verschiedene Stellen dieser Art werden ihm vorgeschlagen, die er alle unter irgendeinem Vorwand ablehnt. Einmal ist der Weg zu weit, dann der Arbeitsbeginn zu früh, die Arbeit ist einmal zu schmutzig, ein andermal zu schwer. Einmal hat er eine Stelle bereits angetreten, als die Mutter zu uns kommt und erklärt, daß sie fürchte, der Junge würde zu sehr angestrengt und wie sein älterer Bruder erkranken. Es wird ihr vorgestellt, daß D. ärztlich untersucht, die Lehrstelle geprüft sei, und daß keine Gefahr der Ueberanstrengung vorliege. Im Beisein der Mutter wird nochmals mit dem Lehrherrn verhandelt, und dieser verspricht, dafür Sorge zu tragen, daß der Junge nicht überanstrengt würde. Darauf entschließt die Mutter sich, ihn dort zu lassen. Drei Tage später erscheint D. in der Sprechstunde. „Mutter hatte doch zu große Angst." „Und du auch?" „Ja, ich auch", gibt er etwas zögernd zur Antwort. Von diesem Tage an ist D. täglich bei uns in der Sprechstunde auf der Suche nach einer geeigneten Lehrstelle. Es dauert fast ein Vierteljahr, obwohl ihm viele Stellen nachgewiesen wrerden. Aber bei jeder stört ihn irgend etwas. Der Junge wird immer mißmutiger, und es scheint fast, als ob es nicht mehr möglich sein würde, ihn in eine geordnete Lehre zu vermitteln. Eines Tages wird die Stelle eines kaufmännischen Lehrlings in einer großen Tuchfabrik gemeldet, wo der Lehrling auch gleichzeitig die Fabrikation erlernen soll. D. stellt sich vor und soll eingestellt werden. Wir verhandeln mit dem Arbeitgeber, und das Engagement soll zustande kommen. Plötzlich bittet D. mich noch um eine Unterredung. Er würde die Stelle gern annehmen, die Art des Betriebes gefiele ihm gut, aber — er hätte gehört, daß die Firma nicht zahlungsfähig sei, und er erkundigte sich, ob er denn dann die Lehrstelle annehmen solle. Als dieses letzte scheinbare Hindernis beseitigt worden war und er über diese Frage genügend beruhigt werden konnte, entschloß er sich endlich zum Antritt der Stelle. Nachfrage beim Arbeitgeber nach einem Monat ergab, daß man mit ihm zufrieden ist. Nach wenigen Wochen kommt D. zu uns und erzählt, daß er zwar an der Lehrstelle einiges auszusetzen habe, daß es ihm aber im allgemeinen gut gefiele. Als nach einiger Zeit im gleichen Betriebe ein Lehrling gesucht wird, erhält er einen früheren Schulkameraden als Arbeitsgenossen, um auf diese Weise einen Ansporn zu haben. Jetzt ist er mehr als ein Jahr auf der Stelle, und er sowohl wie der Arbeitgeber sind zufrieden. L. Z. 45

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