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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1928-09-01 · 3 (September 1928) · page 15

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
3 (September 1928)
Date
1928-09-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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sind von der Natur ihres Wesens her in erster Linie dazu bestimmt, auf internationalem Boden geklärt und gefördert zu werden. Und dies um so mehr, als die Nachkriegszeit Notstände aufzeigte, die mehr als jemals vorher Massencharakter aufweisen, die mehr als jemals vorher demonstrierten, daß die Not und die soziale Problematik keine politischen Grenzen kennen. Man kann heute von einer internationalen Angleichung und Gleichartigkeit der sozialen und wohlfahrtspflegerischen Fragen sprechen, ganz gleichgültig, in welcher Form irgendein Land an den finanziellen Ergebnissen des Krieges positiv oder negativ, als Gläubiger oder Schuldner beteiligt ist. Man sollte meinen, daß aus diesem Zustande und dieser Erkenntnis heraus es ein leichtes sein müßte, die Völker am internationalen Tische zur gemeinsamen Lösung ihrer sozialen Notstände zu einen und ihre Kräfte zu konzentriertem Einsatz zu sammeln. Wer allerdings — und dazu gehört weder große Mühe noch größere Kenntnis — das politische Spiel der letzten Jahre im Zusammenhang mit internationalen Regelungsversuchen beobachtete, der wird von vornherein seine Erwartungen in bezug auf diesen Kongreß auf ein Minimum herabgeschraubt haben. Und die Anlage und Absichten des Kongresses waren durchaus dazu angetan, diese Meinung zu bestärken. Es war weder beabsichtigt, Beschlüsse zu fassen, noch den Versuch zu machen, die Meinung der internationalen Oeffentlichkeit zu bestimmten Fragen durch einheitliche Resolutionen festzustellen. Es kam lediglich in Frage, Meinung gegen Meinung und Tatbestand gegen Tatbestand zu stellen, und es blieb dem Lande und der einzelnen Persönlichkeit überlassen, die Schlußfolgerungen zu ziehen. Die Kongreßluft war deshalb auf absolute Nächstenliebe gestimmt, die es ängstlich vermied, an irgendwelchem international wichtigen Tatbestand Kritik zu üben, die nur darauf bedacht war, an nichts und niemandem Anstoß zu nehmen oder gar zu erregen. Vieler Kongreßteilnehmer bemächtigte sich ob dieses Tatbestandes eine gewisse Mißstimmung, die wohl durch das amerikanische Tempo des Kongresses (was uns fremd ist, das war früher spanisch und heute amerikanisch) noch verstärkt wurde. Hunderte von Themen und Rednern. Quantität, nicht immer Qualität. Wenig Zeit fürs Einzelne und Gründliche. Dazu für einen großen Teil der Teilnehmer nicht geringe Sprachschwierigkeiten (deutsch spielte keine Rolle). Die deutsche Delegation war — soweit man das beurteilen kann — wohl die am wenigsten befriedigte. Der Deutsche macht gern aus jedem Tatbestand eine Theorie und aus jeder Theorie eine Weltanschauung — dazu ließ allerdings dieser Kongreß keine Zeit. Möglich, daß hier ein Quellpunkt der Unzufriedenheit zu suchen ist. Läßt man seine kritische Ader ein wenig schlummern, verlangt man vom Kongreß nicht mehr, als er seiner Anlage nach zu geben versprach, so wird man erst seine wahre Bedeutung erkennen. Es ist hier nach dem Kriege der erste große wohlfahrtspflegerische und sozialpolitische internationale Annäherungsversuch gemacht worden, ein Versuch, der wie jede internationale Annäherung aufs wärmste zu begrüßen ist. Man hat, um sich kennen zu lernen, erst einmal zeigen wollen, wie es in der Welt und im einzelnen Lande aussieht, und das ist vollauf gelungen. Man hat, um das Gemeinsame erst wieder aufzuzeigen, einige Themen von internationalem Interesse zur Diskussion gestellt, und es hat sich erwiesen, daß die Sorgen der ganzen WTelt, von Nationen zwar getragen, vor politischen Grenzpfählen jedoch keinen Respekt haben. Man hat die Möglichkeit gegeben, sich von Person zu Person kennenzulernen und auszusprechen, und es konnte festgestellt werden, daß literarische Mißverständnisse eben oft nur literarische sind. Man hat in Druckschriften, Referaten und Diskussionsreden ein Wissenschaftsmaterial ausgebreitet, von dem noch einige andere Kongresse und die Wissenschaft selbst noch manches Jahr werden zehren können. Wenn man das alles einem Kongresse nachsagen kann — dann war er von Bedeutung. Und weiter: Wie immer man seinen Wert ausdeuten und sich zum Problem der Zahl und der Masse stellen mag, ein Kongreß, der viertausend Teilnehmer in sich vereinigte, zum größten Teil Persönlichkeiten von internationalem Ruf, der darf verlangen, ernst und wichtig genommen zu werden. Es ist im Augenblick noch nicht möglich, außer einigen persönlichen 39

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