Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 3 (September 1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen ein irgend umfassendes Bild der Kongreßver Handlungen zu geben. Dies soll verschiedenen Einzelbesprechungen der Kongrefiliteratur vorbehalten bleiben, auch wird das Protokoll des Kongresses erst abgewartet werden müssen. Die Kongreßarbeit selbst entwickelte sich weniger im Plenum als in den fünf Sektionen. Sektion I. Allgemeine Organisation der Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik (Leitung: Percy Alden. London). Sektion II. Die soziale Ausbildung (Leitung: Alice Salomon, Berlin). Sektion III. Methoden individualisierender Fürsorge (Leitung: Mrs. Glenn, New York). Sektion IV. Sozialpolitik, Wohlfahrtspflege und Arbeiterfragen (Leitung: Albert Thomas, Genf). Sektion V. Sozialhygiene (Leitung: Prof. Bagsre, Stockholm). Die Sektion I brachte eine allgemeine Darstellung des Standes und der Entwicklung der Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik in den einzelnen Ländern. Die Grundlage der Beratung bildeten 14 Länderberichte, die dem Kongreß gedruckt vorlagen. Es sind die Berichte über Deutschland (Polligkeit), Frankreich, Grofi-Britannien, Tschechoslowakei, Polen, Oesterreich, Rußland, Schweden, Ungarn, Vereinigte Staaten, Kanada, Chile, Japan, Ungarn. Diese Berichte machen ersichtlich, daß die Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik gar nicht in ihren Formen so unterschiedlich ist, wie es auf den ersten Blick scheinen könnte. Dies mag sicherlich seinen Grund in der nivellierenden Kraft des Weltkrieges haben. Der Weg der Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik der einzelnen Länder scheint immer stärker in der Entwicklung der Gesamthaftung und Gesamtverantwortlichkeit zu liegen. Die Sektion II war den Fragen der sozialen Ausbildung gewidmet. Die Organisationen der sozialen Schulen der einzelnen Länder, die Aufnahmebedingungen, die Dauer des Lehrgangs, das Verhältnis von praktischer und theoretischer Arbeit waren Gegenstand der Diskussion. In einer der Schlußsitzungen spielte die Frage der gemeinsamen Ausbildung von Mann und Frau eine besondere Rolle. Den methodischen Grundfragen uer individualisierenden Fürsorge der III. Sektion lag ein ausgezeichneter Bericht von Frau Wronsky und Stadtrat Muthesius zugrunde. Die Verhandlungen der IV. Sektion waren gerade für das Arbeitsgebiet dieser Zeitschrift von ganz besonderem Interesse. Es wurden behandelt: die Fragen des Existenzniveaus der Familie und damit im Zusammenhang die Frage des Existenzminimums und des Familienlohnes. Ein besonderer Programmpunkt war die Erörterung der Bedeutung der Freizeit der Arbeiter. Eine etwas ausgedehntere Behandlung erfuhr das Problem der Verhütung der Erwerbslosigkeit, dem ein besonders interessantes Referat von Seebohm Rowntree zugrunde lag. Schließlich wurde noch die Frage der Auswanderung, insbesondere aber die Frage der Familientrennung behandelt. Das einleitende Referat hielt der polnische Minister Sokal. Gerade dieses Referat war typisch für die Behandlung entscheidender Probleme des Kongresses Sokal vermied es ängstlich, sein Thema unter weiteren Perspektiven zu sehen. Die leichte Kritik, die er in dem gedruckt vorliegenden Berichte an den schwerwiegenden amerikanischen Einwanderungsgesetzen geübt hatte, nahm er unter vielen Entschuldigungen zurück. Daß gerade sein Land an dieser Frage besonders interessiert ist, vermied er vorsorglich vorzutragen. Welche Maßnahmen die polnische Regierung zur Behebung des entsetzlichen Elends der Auswandererfamilien ergriffen hätte, wußte er nicht zu sagen. Der Unterzeichnete benutzte liier die Gelegenheit der internationalen Oeffentlichkeit, die besondere Schwierigkeit und die ungeheure Gefahr gerade dieser Frage vor Augen zu führen. Es war dabei noch nicht einmal nötig, die besondere jüdische Seite dieser Frage zu erörtern, weil es sich hier um ein Problem handelt, das selbst ohne jüdische Note auf das breiteste Interesse der internationalen Oeffentlichkeit rechnen kann. Vielleicht wäre in diesem kurzen Berichte noch die Frage zu erörtern, welches Interesse gerade jüdische Verbände an internationalen Kongressen haben und haben müssen. Gerade dieses soeben erwähnte Beispiel der Familientrennung in der Auswanderung zeigt, — es war keineswegs die einzige Möglichkeit, dies zu tun —, daß es doch Gelegenheiten gibt, unsere eigenartige jüdische Problematik auf- 40