Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 3 (September 1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2709108-2709128-2709131--302-2709488- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
in Anspruch nahmen. Bildet doch das Judentum eben nicht nur eine Religions-, sondern auch eine Abstammungsgemeinschaft*), die sich im Osten noch viel schärfer ausprägt als bei den Juden Mittel- und Westeuropas. Aber das Schicksal der so Gekennzeichneten war damit vor den Verwaltungs-, oft genug auch vor den vom Inhalt des Fragebogens unterrichteten Gerichtsbehörden, mit denen sie zu tun bekamen, besiegelt. Die Praxis machte eben unter dem Einfluß des völkischen Nationalismus aus dem Betriff der Abstammung etwas ganz anderes, als die sicherlich modernen und freigeistig denkenden, innerlich auf dem Boden des Volksstaates stehenden Minister sich dachten, die seine Einführung gebilligt hatten, um für das Deutschtum kulturell wertlose oder gar gefährliche Elemente auszuschalten. Man bedenke, daß auf Grund der geschilderten Handhabung heut Träger von Namen wie der verstorbene Mathematiker Rosanes, der im Jahre 1903 als erster Jude Rektor an einer preußischen Universität wurde — bei seiner Einwanderung nach Deutschland ein galizischer Talmudbocher, ein dutzend Jahre später ordentlicher Universitätsprofessor — oder der berühmte Internist Minkowski — eingewandert aus Kowno, zuletzt Direktor der Breslauer Universitätsklinik — kaum in Deutschland geduldet oder wenigstens nach Vollendung ihres Studiums unbarmherzig ausgewiesen worden wären. Man sieht also, das Schwergewicht wird bei diesen in jedem Falle subtilen Unterscheidungen nicht sowohl auf das abstammungs- oder blutmäßige, also auf das kulturelle Moment zu legen sein. Untergeordnete Polizeiorgane werden jedenfalls schwerlich die Befähigung dazu haben, zutreffende Urteile zu fällen. Sie werden immer den billigen Schlagworten der Rassenwissenschaft erliegen, ohne daran zu denken, daß sie in dem Angehörigen der zweifellos „deutschstämmigen" Familie Rennenkampf einen Verwandten desjenigen russischen Heerführers vor sich haben, der als Kommandant der russischen „Dampfwalze" Angst und Schrecken über Ostpreußen verbreitete und dessen höchstes Ziel es war, unser Land mit Feuer und Schwert zu verwüsten, das gleiche Land, dem er „abstammungsgemäß" angehörte. In diesem Zusammenhange sei daran erinnert, daß auch eine ganze Anzahl Unterführer dieses russischen Heeresflügels rein deutsche Namen trugen, und daß ein russischer Oberst mit dem nicht gerade russisch klingenden Namen Fleischer als Kommandant eines Kriegsgefangenenlagers tausende deutscher Kriegsgefangener elend an Skorbut zugrunde gehen ließ, ohne einen Finger für seine „Stammesgenossen" zu rühren. Andererseits gab es im Kriege deutsche Offiziere, auch solche höchster Grade (v. Fran^ois, v. Saint-Ange und viele andere), deren Namen ihre romanische Abstammung zweifelsfrei erkennen ließ. Sie alle taten sicherlich ihre Pflicht als *) Mit dieser Feststellung ist natürlich keineswegs der Begriff der „Rassenreinheit" verbunden. Das europäische Judentum weist diese Eigenschaft so wenig auf wie irgendein anderes europäisches Volk; nur ist der Einschlag fremden Blutes bei ihm infolge der tausendjährigen Abschließung im Verein mit der trennenden Wirkung des Religionsgesetzes bedeutend geringer als bei anderen Völkern. 29