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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1928-07-01 · 1-2 (Juli 1928) · page 22

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
2 (1928-1929)
Issue
1-2 (Juli 1928)
Date
1928-07-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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teil. (Art. 6.) Der Wanderer ist an jedem Orte seiner Wanderroute, an dem sich ein Arbeitsamt befindet, unterstützungsberechtigt. Die Meldung am Arbeitsamt muß am Ankunftstage, spätestens am darauffolgenden, bis 10 Uhr morgens erfolgen. (Art. 7.) Die Fachverbände stehen dieser Verordnung mit gemischten Gefühlen gegenüber. Es wird nicht verkannt, daß die Möglichkeit geordneten Wanderns der Ausbildung, der Kenntnis und der Schulung des gelernten Arbeiters förderlich sein kann. Andererseits wird auf die Unmöglichkeit hingewiesen, bei der gegenwärtigen Arbeitsmarktlage als Zugewanderter an einem Orte Arbeit zu erhalten, und auf die Gefahren, die eine Wanderschaft, und sei sie noch so reguliert, in sich birgt. Trotz aller gegenwärtigen Bedenken wird sich ein Urteil über den Wert dieser Verordnung erst nach einem Jahr praktischer Erfahrungen abgeben lassen. Es soll auch nicht verkannt werden, daß diese Neuregelung nur die Sanktionierung eines Zustandes ist, der praktisch seit langem wirksam ist, nämlich des verständlichen Dranges und Versuches des Arbeitslosen, sich durch Wanderung selbst mit Arbeits- und Existenzmöglichkeit zu versorgen. AUS DER PRAXIS DER BERUFSBERATUNG Wir beginnen im folgenden mit der fortlaufenden Veröffentlichung typischer Fälle aus der jüdischen Berufsberatung. Wir glauben, gerade durch Beispiele, die der Praxis entnommen sind, der jüdischen Berufsberatung mehr Anregung und Vertiefung geben zu können als durch dauernde prinzipielle Erörterungen. Die zunächst zur Veröffentlichung kommenden Fälle entstammen der Abteilung Berufsberatung bei der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Arbeitsnachweise, Berlin. I. Normale Berufseingliederung einer Mittelschülerin Hertha B., geboren 1910, lernte ich im Dezember 1926 bei der Schulbesprechung kennen. Zunächst fiel auf, daß sie wenig und vorsichtig Fragen stellte und sich bei der Unterhaltung ganz passiv verhielt. Nach dem Vortrage kam sie mit der Frage zu mir, ob es sicher wäre, daß sie mich in unserem Büro allein sprechen könnte. Als ich dies bejaht hatte, verabredeten wir, daß sie am nächsten Tage in meine Sprechstunde käme. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden der Erzieher- und der Schülerfragebogen durchgearbeitet. Der Erzieherbogen enthielt, wie es leider häufig der Fall ist, keine wesentlichen Angaben. Auf Grund des Schülerfragebogens konnte festgestellt werden, daß es sicli um eine Kriegerwaise handelt, daß die Familie von einer Rente und von dem Arbeitsverdienst der älteren Tochter, die Kontoristin ist, lebt. Eine jüngere Tochter ist als Lehrmädchen tätig. Hertha ist ihrer zarten Gesundheit wegen spät eingeschult worden und besucht daher bis zum 17. Lebensjahr die Mittelschule. Sie ist jetzt in der hausmütterlichen Klasse der Mädchenmittelschule; als Berufswunsch gibt sie Kindergärtnerin an. Die Beratung in unserer Sprechstunde ergab zunächst folgendes Bild: Hertha, sehr egozentrisch eingestellt, spricht ständig von ihrer zarten Konstitution, ist dauernd mit sich beschäftigt, immer besorgt, sich nicht zu überanstrengen. Gleichzeitig versucht sie, den Eindruck zu erwecken, als ob sie sich um sich selbst gar nicht kümmere, und betont ihre Bereitwilligkeit, anderen zu helfen. Sie gibt an, Kindergärtnerin werden zu wollen, weil ihre Freundin, an die sie augenscheinlich stark gebunden ist, es auch werde, weil es zweitens ein „höherer" Beruf sei, und drittens verlange diese Tätigkeit keine körperliche Anstrengung. Außerdem sei, wie sie meinte, jede Frau für diesen Beruf geeignet. Auf meine Frage, ob sie als Schülerin der hausmütterlichen Klasse im Kindergarten oder Hort geholfen habe, antwortete sie: „Ja, aber im Kindergarten war es nicht schön, mit diesen Kindern wußte ich nichts anzufangen; dort spielt man ja nur, ich habe mir das ganz anders gedacht." Es wird ihr ausführlich vom Leben im Kindergarten und von den Anforderungen dieses Berufes, unter besonderer Betonung der Forderung, daß die Kindergärtnerin ein einfacher, ursprünglicher Mensch mit angeborenem Verständnis für Kinder sein müsse, erzählt. Ganz nebenbei wird gefragt, womit sie sich am liebsten in ihrer Freizeit beschäftige. Da wird sie plötzlich lebhaft und gesteht, daß es 22

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