Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 2 (1928-1929)
- Issue
- 1-2 (Juli 1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2709108-2709128-2709130--295-2709480- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ihr am angenehmsten sei, wenn sie in einer Ecke sitze und lese und kein Mensch sie störe. Tatsächlich hat sie viel und mit Verständnis gelesen; es stellte sich heraus, daß die Mutter es ihr verboten hatte und sie immer wieder auf eine Beschäftigung mit Menschen hingewiesen hatte. Infolgedessen hatte das Mädchen von sich selbst verlangt, einen Beruf zu wählen, der sie zwang, mit Menschen zusammenzukommen. Fassungslos war sie über mein Erstaunen, sich nicht eineiL Beruf nach ihren Wünschen, sondern aus einer moralischen Erwägung heraus wählen zu wollen. Erst ganz allmählich konnte sie zu der Einsicht gebracht werden, daß das Recht und die Pflicht zu einem Beruf da sei, wo ihr wirklicher Berufswunsch läge. Es wurden mehrere Berufe daraufhin betrachtet, ob sie dort die Möglichkeit zu einer ruhigen, ungestörten Arbeit habe, und sie entschied sich schließlich zum Beruf der Buchhalterin. Lange Zeit hörte ich nichts von ihr. Auf Zuweisungen von Stellen antwortete sie nicht. Ostern erfuhr ich von der Leiterin der Haushaltungsschule, daß Hertha sich zum Vorbereitungskursus für das Kindergärtnerinnenseminar bei ihr angemeldet habe. Ich bat sie, sie aufzunehmen und nach dem Eintritt gelegentlich zu einer Rücksprache zu mir zu schicken. Sie kam und erklärte, daß sie es doch vorgezogen habe, Kindergärtnerin zu werden; sie fände es nicht richtig, sich mit anderen Menschen nicht beschäftigen zu wollen, und man müsse sich dazu erziehen. Nachdem ihr die Folgen einer verfehlten Berufswahl nochmals vorgestellt waren, wurde mit ihr noch genauestens über die große Anzahl Kindergärtnerinnen gesprochen, die nach 10- bis 12jähriger Tätigkeit ihren Beruf aufgeben müssen, weil sie aufgerieben und fast arbeitsunfähig geworden sind. Sprachen bei der Berufswahl dieser Mädchen vielleicht ähnliche Erwägungen mit? Ich schlug ihr vor, selbst ins Jugendheim zu gehen, um sich anzumelden. Dann könnte sie nochmals einen größeren Betrieb sehen und sich eher von der Arbeit ein Urteil bilden. Auch die Möglichkeit einer späteren Abmeldung wurde erwähnt. Hertha meldete sich an und kam noch mehrmals, um von ihrem zukünftigen Beruf zu erzählen und Einzelheiten zu erfahren. Unmittelbar vor dem Eintritt ins Seminar kam sie jedoch und teilte mit, daß sie sich abmelden würde; sie möchte doch lieber einen anderen Beruf ergreifen und auf die Kindergärtnerinnenausbildung verzichten. Es wurde ihr, ihrem jetzigen Wunsche entsprechend, eine Bürolehrstelle nachgewiesen, in der sie sich jetzt, nach mehr als einem Jahre noch befindet, und in der sie sich sehr wohlfühlt. Rechtzeitiger Besuch der Berufsberatungsstelle bewahrt häufig vor unzweckmäßiger Berufswahl. L. Z. ORGANISATION Versammlung der ostfriesischen Gemeinden Am 3. Juni hielt Herr S. Adler- Rudel in Emden einen Vortrag über „Neuzeitliche jüdische Wanderfürsorge". Im Anschluß an den Vortrag fand eine längere Aussprache statt, in der die von der Hauptstelle aufgestellten Grundsätze zur Organisation der Wanderfürsorge fast einhellige Billigung fanden. Die Gemeinde Emden wird die Initiative zur Einberufung einer Tagung der ostfriesischen Gemeinden ergreifen, um für sämtliche Gemeinden eine einheitliche Regelung der Wanderfürsorge in die Wege zu leiten. Landeskasse Sachsen Am 11. Juni 1928 fand zu Dresden die Sitzung der Landeskasse Sachsen statt, bei der sämtliche sächsischen Gemeinden vertreten waren. Die Abrechnung für die Jahre 1925, 1926 und 1927 wurde genehmigt und für das Jahr 1928 eine Beitragsleistung von 23/io% der Reichseinkommensteuer beschlossen. Die Gesamtausgaben beliefen sich für die drei Jahre auf 54 000 RM. Auf Antrag der Gemeinde Plauen wurde beschlossen, die noch bestehenden kleineren Wanderfürsorge-Kassen wie Zittau, Annaberg, Zwickau, Bautzen und Plauen aufzuheben, so daß nunmehr nur noch als selbständige Stellen Leipzig, Dresden und Chemnitz weiterbestehen. Eine lebhafte Diskussion entspann sich bei dem Antrag der Hauptstelle betreffend Errichtung einer jüdischen 23