Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 12 (Juni 1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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kungen der letzten Jahre. Der Arbeitgeber behilft sich selbst bei steigender Konjunktur oft mit weiblichen Hilfskräften, da er fürchtet, bei Arbeitsmangel männliche Angestellte, zumal wenn sie verheiratet sind, entlassen und das Odium sozialer Verständnislosigkeit auf sich nehmen zu müssen. Diese Tatsache führt uns zu dem traurigsten Kapitel der Nachkriegs Verhältnisse: der Not der älteren Angestellten. Für den Angestellten im Alter von über 40 Jahren ist — leider muß das ausgesprochen werden — bei der Fortdauer des augenblicklichen Zustandes eine Stellenbeschaffung fast unmöglich. Unerhört schwierig ist heute schon die Unterbringung in Arbeit für Menschen, die das Unglück hatten, ihre Stellung im Alter von 30 Jahren zu verlieren. Dagegen haben oft junge Menschen durch den jüdischen Arbeitsnachweis nicht in der angeforderten Zahl gestellt werden können, während zu gleicher Zeit genügend geeignete und wertvolle Kräfte, über 30 Jahre alt, gemeldet waren. Hier liegen auch die Gründe für die absolut unzureichende Lehrstellenvermittlung des Arbeitsnachweises. Die Spalten der Stellenangebote in der Tagespresse sind angefüllt von offenen, zumeist kaufmännischen Lehrstellen. Die Anforderung von Lehrlingen treibt selbst diejenigen Arbeitgeber zum jüdischen Arbeitsnachweis, die ihr sonstiges Personal nicht von diesem anfordern oder jüdisches Personal nicht einstellen. Eine erfreuliche Begründung für die mangelhafte Inanspruchnahme der Lehrstellenvermittlung liegt noch in der ausgezeichneten Propaganda und Tätigkeit des städtischen Berufsamtes in Breslau, mit dem der jüdische Arbeitsnachweis die besten Beziehungen unterhält und dessen technisch vollkommener Apparat in jedem Falle in Anspruch genommen und auch gern zur Verfügung gestellt wird. Diese geschilderten Mängel zu erkennen, bedeutet selbstverständlich, sie trotz aller Schwierigkeiten zu überwinden streben. Wenn das laufende Geschäftsjahr in dieser Hinsicht wenn auch nur geringe Fortschritte macht, die nicht zum wenigsten abhängig sind von der Höhe der für Propaganda verfügoaren Geldmittel, dann wird der jüdische Arbeitsnachweis in noch weiterem Maße seinen Aufgaben gerecht werden. Er vertraut dabei auf die Mitarbeit aller jüdischen Organisationen und Institutionen und nicht zum wenigsten auch auf die Tatsache, daß der jüdische Stellungsuchende die Konkurrenz mit jedem anderen Stellungsuchenden aufnehmen kann, wenn er nicht durch Vorurteil und bösen Willen zurückgesetzt wird. 0 * « Die Tätigkeit in dem 1. Quartal des Jahres 1928 zeigt einen erfreulichen Aufstieg, so konnten in diesen 3 Monaten durchschnittlich je 47 Vermittelungen getätigt werden. Auch die Frage einer gesonderten Stellenvermittlungszentrale der gesetzest reuen Jugendverbände ist auf Grund der vorstehenden Statistik einer Regelung zugeführt worden, indem diese von einer eigenen Propaganda Abstand nimmt. II, Produktive Fürsorge im Rahmen des Jüdischen Wohlfahrtsamts. Seitens der Gemeindevertretung war für das Etatsjahr 1927/1928 ein Betrag von 30 000 Mark aus dem Etat des Wohlfahrtsamtes herausgenommen worden, mit der Maßgabe, produktiven Fürsorgezwecken zu dienen. Die Arbeitsgebiete, die sich hierdurch eröffneten, waren zunächst auf Versuche abgestellt, und es bestand von vornherein nicht die Neigung, auf diesem neuen Gebiet wahllos die ausgeworfenen Mittel auszugeben, sondern durch Versuche verschiedenster Art und nach verschiedensten Richtungen Möglichkeiten zu suchen und zu finden, um dem Titel produktive Fürsorge gerecht zu werden. Die Versuche haben erwiesen, daß die vorsichtige Behandlung der einzelnen Arbeitsgebiete durchaus berechtigt war. denn in verschiedenen Fällen stellte sich heraus, daß bei dem immerhin begrenzten Menschenmaterial eigentliche produktive Fürsorge verbunden mit Berufsumschichtung immer nur in Einzelfällen sich ermöglichen ließ und dazu weitgehendst bestehende allgemeine fürsorgerische Stellen in Anspruch genommen werden konnten. Ganz abgesehen von den außerordentlichen Kosten hat man aus diesen Gründen z. B. von der Einrichtung von eigenen Lehrwerkstätten Abstand genommen. Da die Vorbereitungen zu den einzelnen Maßnahmen erst im Laufe des Sommers getroffen werden konnten, bezieht sich der vorliegende Bericht eigentlich nur für die Zeit vom 1. Ok- 241