Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 12 (Juni 1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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flüssen. Das Leben des Individuums und sein Verhalten ist bedingt phylogenetisch von historischen Einflüssen, von einer Adaption an die Umgebung. Sein Wollen ist bestimmt durch die Objekte der Außenwelt und besteht nur in einer Reaktion auf ihre Reize. Dies führte weiter zu der Anschauung, daß Tun und Lassen nur ein Produkt ist aus den Einflüssen der Umgebung, sowohl in physiologischer, als auch in ethisch-intellektueller Beziehung. Die von außen an den Menschen herantretende Erfahrung bestimmt auch sein sittliches Tun und Lassen. Die Anlage nähert sich hierbei dem Nullpunkt. Dieselben Unterschiede sehen wir auf dem Gebiet des ethisch Normalen und Anormalen wieder. Es überwog bis zur Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Anschauung, daß das Verbrechen lediglich kriminalsoziologisch zu begreifen und zu bekämpfen sei. Die kriminalbiologische Seite trat in den Hintergrund, wenngleich sie nicht ganz übersehen wurde. Liszt (Aufsatz und Vorträge, II S. 284ff.) hat beide Ursachengruppen beleuchtet. Er erkennt den „individuellen" Faktor, d. h. die angeborene und erworbene Eigenart des Täters an und den „äußeren" Faktor, der den Täter im Augenblick der Tat umgibt und bestimmt. „Das Verbrechen ist das Produkt aus der Eigenart des Täters im Augenblick der Tat und aus den in diesem Augenblick ihn umgebenden äußeren Verhältnissen." Jedoch liegt der Ton bei seinen Betrachtungen auf den „äußeren Verhältnissen." Denn nur, wenn es sich um eine b e s t i m m t e Tat handelt, ist die Eigenart von Belang. Das Verbrechen als eine soziale Lebenserscheinung erklärt sich lediglich aus den gesellschaftlichen Faktoren, es ist sozialpathologisch zu verstehen und dementsprechend zu bewerten und zu bekämpfen.1) Gegenwärtig erfährt diese Betrachtungsweise eine Korrektur durch die Kriminalbiologie, die das Individuum wieder in den Vordergrund stellt, bzw. nicht vernachlässigt wissen will. Kretschmer hat in seinem Buch „Körperbau und Charakter" bestimmte individuelle körperliche Merkmale der Rechtsbrecher aufgestellt, und Freuds Psychoanalyse eröffnet ebenfalls große Perspektiven über Ursachen und Entstehen des Verbrechers. Dies bedeutet eine starke und energische Abkehr von der Milieutheorie und der kriminalsoziologischen Erklärung. Die praktische Folge ist, daß die erfolgreiche Bekämpfung des Verbrechens darunter leiden muß. Ohne Zweifel darf die individuelle sittliche Kräftigung und Gesundung nicht vernachlässigt werden. Sie hat die Disposition und die Willensstärkung zu betreiben, gleichsam den Boden zu ebnen, um ihn empfänglich zu machen für die Resozialisierung. Denn die Lebensbetätigung des Individuums ist eine aktive, individuell gefärbte Erwiderung auf Einflüsse und Reize, die von der Außenwelt an es herantreten. Wo das unbewußt geschieht, ist es u. a. Aufgabe der Seelsorge, die Motive und Grundsätze zum Bewußtsein zu bringen und zu festigen und der Kontrolle durch den Verstand zu unterstellen. *) Vgl. Aschaffenburg: Das Verbrechen und seine Bekämpfung. 230