Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 12 (Juni 1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2709108-2709109-2709120--246-2709430- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JODISCHE ARBEITS¬ UND WANDERFORSORGE 1. Jahrg. JUNI 1928 Nr. 12 GEDANKEN ZUR GEFANGENENFÜRSORGE VON RABBINER DR. MARTIN JOSEPH, BERLIN Wir setzen mit dem Artikel des Berliner Gefängnisrabbiners Dr. Joseph die fachmännische Aussprache über das Problem der jüdischen Gefangenenfürsorge fort. Manche der von Dr. Joseph vorgebrachten Argumente und Vorschläge verdienen ernsteste Diskussion. Wir verhehlen uns allerdings nicht, daß mit Hilfe staatlichen Zwangs und staatlicher Gesetzgebung gerade auf diesem so überaus diffizilen Gebiete kaum etwas zu erreichen sein dürfte. Gerade deshalb erachten wir die Schaffung von Uebergangshäusern mit Beschäftigungsmöglichkeit für Strafentlassene als brauchbarste Hilfsmöglichkeit aus der augenblicklichen — von allen verantwortlichen Seiten erkannten — unzuträglichen und unhaltbaren Misere. Die Redaktion. Auf dem Gebiete der Ethik besteht seit geraumer Zeit der Gegensatz zwischen Individualethik und Sozialethik. Die erstere will aus dem Individuum das Wesen und den Charakter des Sittlichen ableiten und darüber hinaus Imperative aufstellen, die das Leben des einzelnen wie das der Gesellschaft bestimmen und regulieren. Der sittlich wollende Mensch soll den Maßstab abgeben für seine Handlungsweise und sein Verhältnis zur Umgebung. Kräftigung und Gesundung des Einzelwillens sei deshalb die Aufgabe aller Erziehung. Voraussetzung hierfür ist die Annahme, daß der einzelne in jedem Falle fähig ist, den Kampf mit der Umgebung aufzunehmen und zu bestehen. Der sittliche Wert liegt in der Fähigkeit, das moralische Ich zu entfalten und die Umwelt dergestalt zu meistern. Das Ich bleibt das Primäre, dem allein die Aufmerksamkeit zuzuwenden ist. Die Höherentwicklung des Individuums ist das Ziel dieser Anschauung. Sie hat ihren eklatantesten Ausdruck im Moralismus Nietzsches gefunden. Naturwissenschaft und insbesondere Biologie, auch die Vererbungstheorie hat uns darüber die Augen geöffnet, daß das Individuum, auch da. wo wir es mit spontanen Aeufierungen des einzelnen zu tun zu haben scheinen, abhängig ist von der Umgebung und ihren Ein- 229