Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 11 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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zustellen. Die Statistik befindet sich erst in den Anfängen, sie muß ausgearbeitet und erweitert werden. Die Abhilfeinaßnahmeu. die in Betracht kämen, sind innerer und äußerer Natur. Von den inneren Mitteln käme als wichtigstes in Betracht die Umstellung des gesamten seelischen Habitus der Juden in bezug auf Eheschließungen und Fortpflanzung. Die wirtschaftlichen Gesichtspunkte müßten zurückgestellt werden gegenüber den höheren, die dahin gehen, daß der einzelne Jude nicht nur verantwortlich ist für seine Glaubensgenossen, sondern auch für die Erhaltung seines Stammes. Als praktische Forderungen sind zu nennen: Förderung der Ehen, namentlich der unbemittelten jüdischen Mädchen. Wiederinslebenrufen der Ausstattungsvereine für arme jüdische Bräute, Unterstützung der Frühehen, Förderung der Eheanbahnung durch Begründung gemeinnütziger jüdischer Ehevermittlungsstellen, Unterstützung der jüdischen Jugendvereine, die einen zwanglosen Verkehr der jüdischen jungen Leute anbahnen. Aber vor allem muß der Kampf gegen die Mischehen auf das energischste geführt werden, weil Mischehen dem Judentum viel gefährlicher sind als Taufen, da die Nachkommen aus Mischehen, wenn nicht schon in der ersten, so doch in der zweiten Generation dem Judentum völlig verloren gehen. Die Mischehen müßten genau studiert werden, um in jedem einzelnen Fall die Ursache der Mischehe festzustellen. Man hat eingewendet, daß der Kampf gegen diese Mißstände aussichtslos ist, daß es vergebliche Mühe wäre, in diesen komplizierten und schwierigen Komplex von Fragen einzugreifen und psychologischen und soziologischen Entwicklungen, die unaufhaltsam zu sein scheinen, in die Arme fallen zu wollen. Ja, man hat eingewendet, man solle diese Entwicklung, die Assimilation und den Niedergang nicht aufhalten, ja noch fördern, weil damit die einfachste Lösung der Judenfragen gegeben wäre und der Antisemitismus von selbst verschwände. Eine andere Einstellung weist darauf hin, das Judentum habe noch ganz andere Gefahren überstanden, es habe zahllose Verfolgungen erduldet, Mord und Vernichtung über sich ergehen lassen und die Jahrhunderte lange Einsperrung in die dumpfen Ghettos überstanden. Australien als Einwanderungsland Aus dem interessanten Bericht eines deutschen Auswanderers nach Australien veröffentlichen wir im folgenden einige Teile, die für einen weiteren Kreis von Wichtigkeit sein dürften: „Irgendwelche Schwierigkeiten bei der Ankunft in Australien wurden mir nicht bereitet. Ich brauchte nur meinen Paß und Kreditbrief vorzuzeigen, mit den anderen Passagieren am Arzt vorbeizugehen und konnte dann hingehen, wohin ich wollte. Die Behandlung, die uns Neulingen von australischer Seite zuteil wurde, war durchaus höflich und zuvorkommend. Gleich zu Beginn meines Aufenthaltes auf australischem Boden konnte ich feststellen, daß jeder deutsche Einwanderer zum Vorwärtskommen in diesem Lande unbedingt einige englische Sprachkenntnisse aufweisen sollte. Beruflich stellen sich Mechaniker wie überhaupt Angehörige des Metallgewerbes am besten. Sie verdienen in der Woche durchschnittlich 6 bis 9 Pfund. Auch für weibliche Hausangestellte ist die Lage nicht ungünstig. Ihr Verdienst beträgt im Durchschnitt 2 Pfund die Woche bei freier Kost und Unterkunft. Erheblich schwieriger ist es für Büropersonal und Angestellte überhaupt, eine Stellung zu finden, zumal diese, um ihrem Berufe nachgehen zu können, die Sprache des Landes beherrschen müssen. Auch für den deutschen Landwirt, mag er in der Heimat noch so erfolgreich tätig gewesen sein, ist es in der Anfangszeit zum mindesten keineswegs leicht, sich durchzusetzen. Für ihn ist es vor allen Dingen nötig, sich mit den für ihn fremden Betriebsverhältnissen, Kulturen usw. vertraut zu machen. Nur sehr ungern stellt daher auch der australische Farmer Neulinge ein. Hinsichtlich der allgemeinen Arbeitsmarktlage ist zu erwähnen, daß diese zur Zeit ungünstig ist. Große Hitze und Trockenheit haben ein ungewöhnlich schlechtes Ernteergebnis zur Folge gehabt. Dieser Umstand hat wiederum bei dem stark ausgeprägten landwirtschaftlichen Charakter des Landes zu einer größeren Arbeitslosigkeit geführt. Mit einer Besserung der Lage in dieser Beziehung vor der nächsten Ernte ist nicht zu rechnen, so daß zu einer Einwanderung nach Australien vor August dieses Jahres auf keinen Fall geraten werden kann. Der Lohn für land- 226