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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1928-05-01 · 11 (Mai 1928) · page 13

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
11 (Mai 1928)
Date
1928-05-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
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26 000 auf 29 000, so ist diese Zunahme nur eine scheinbare; sie ist ausschließlich der Zuwanderung zu verdanken. Ohne diese wäre eine Abnahme der Juden in diesen Städten zu verzeichnen gewesen. Wenn nicht schon früher eine Unterbilanz aufgetreten ist, so ist daran die geringe Sterblichkeit der Juden schuld gewesen. Diese Sterblichkeit läßt sich aber naturgemäß nicht über eine gewisse Grenze herabdrücken. Die Geburtenabnahme erhellen unter anderem auch folgende Ziffern, wenn man das ganze letzte Jahrhundert betrachtet. In Preußen wurden geboren auf 1000 der jüdischen Bevölkerung 1822—40: 35; 1888—92: 23; 1903—1907: 17; 1925—26: 14; in Berlin beträgt die Geburtenziffer 10, gegenüber 17—18 bei den Franzosen. In Berlin handelte es sich 1926 bei 2035 geborenen Kindern 1165 mal um das erste Kind, 613 um das zweite Kind, 252 mal um das dritte Kind; nur in wenigen Fällen wurden demnach in einer jüdischen Familie mehr als drei Kinder geboren, und man muß Theilhaber beistimmen, wenn er von dem jüdischen Einkindersystem in Berlin spricht. Dazu kommen die Verluste durch die Taufen und die M i s c h - e Ii e n. In Berlin sind jährlich etwa 500 Austritte aus dem Judentum zu verzeichnen. In Hamburg betrug 1895 bis 1910 die Zahl der Erwachsenen, die sich taufen ließen, etwa 1800. Dazu kommen noch 5 Prozent der aus rein jüdischen Ehen und 75 Prozent der aus Mischehen stammenden neugebornen Kinder, sowie 15 Prozent der unehelichen Geburten, die dem Christentum zugeführt werden. Im engen Zusammenhang mit der Geburtenfrage steht das Eheschliefiungsproble m. Je mehr Ehen geschlossen werden, desto mehr Geburten sind zu erwarten, weil vor allem die jungen Ehen für die Fortpflanzung in Betracht kommen. Auch hier liegen die Verhältnisse bei den Juden sehr ungünstig. Es werden vor allem weniger Ehen geschlossen als bei der Gesamtbevölkerung. Außerdem nimmt die Zahl der Eheschließungen ständig ab. In Preußen wurden 1921 bis 1925 4041 rein jüdische Ehen geschlossen. Endlich werden die Ehen in viel späterem Alter geschlossen als bei der Gesamtbevölkerung. Die jüdischen Frühehen sind eine Ausnahme geworden. Namentlich gelangen h^ute auch die jüdischen Frauen in viel späterem Alter zur Eheschließung, als es vor dem Krieg der Fall gewesen ist. Gegenüber der Abnahme der rein jüdischen Ehen ist eine ungeheure Zunahme der Mischehen zu verzeichnen. In Deutschland wurden von 1920—1925 29 184 rein jüdische Ehen geschlossen und 12 107 Mischehen. Während das Verhältnis noch 1901 6 : 1 war, ist es heute 2:1; jeder 5. Jude oder Jüdin, die heute in Deutschland heiraten, geht eine Mischehe ein. Alle Schichten sind vertreten: Bildung und Besitz, der Mittelstand und das Proletariat. Den Ilauptherd bilden die Großstädte. Aber auch in den Kleinstädten und im Lande frißt die Seuche um sich. Aber die Haupt - ursache für diese abnormen, den Bestand des Judentums in hohem Maße gefährdenden Zustände ist in der Abkehrung von der Tradition, von der religiösen Bindung, die Ueberhandnahme des Indifferentismus, das Schwinden des Verantwortungsbewußtseins, der Ersatz der altruistischen und religiösen Vorstellungen durch rationalistische und wirtschaftliche Erwägungen. Als äußerer Grund für die betrübliche Bevölkerungsentwicklung der deutschen Juden ist die stetig zunehmende Ansammlung in den Großstädten, die Landflucht, zu betrachten. Bei denjenigen, welche eine Mischehe eingehen, ist die Bindung an die Tradition am meisten verloren gegangen. Egoistische Motive sind hier vorherrschend. Charakteristisch ist es hier, daß der jüdische Mann vielfach unter seinem Stande heiratet, weil angeblich die arme Christin anspruchsloser sei als die arme Jüdin. Die arme Jüdin aber, die über eine Mitgift nicht verfügt, heiratet schließlich einen christlichen Arbeiter, um überhaupt nicht ledig bleiben zu müssen. Zu der Entstehung der Mischehen trägt zweifellos das zahlreiche zerstreute Wohnen in kleinen Gemeinden bei. Die jungen Männer sind in die Großstadt abgewandert, hier bleibt dann als letzter Ausweg für die Mädchen nur die Mischehe, wenn es nicht gelingt, auf dem Wege der Vermittlung eine Ehe anzubahnen. Will man diesen, den gesamten Bestand des Judentums bedrohenden Verhältnissen gegenüber Abhilfemaßnahmen vorschlagen, so erscheint die Aufgabe eine ungeheure. Es ist nötig, den Schaden in seiner ganzen Größe fest- 225

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