Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 11 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2709108-2709109-2709119--233-2709416- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Verhältnis zu gewinnen. Erst dadurch erwirbt er das unbedingt nötige Vertrauen und die Zuneigung der Gefangenen. Diese sind oft wie die Kinder. Die meisten sind nur anfangs mißtrauisch und verschlossen. Wenn man mit zarter Schonung und wohlwollendem Verständnis darüber hinweggeht, wenn sie nicht als „Verbrecher", sondern als ernst zu nehmende Menschen sich betrachtet fühlen, dann macht das Mißtrauen bald einem Vertrauen Platz. Und wie Kinder oft nur für den Lehrer lernen, wenn sie ihn gern haben, so hängt die Möglichkeit, den Gefangenen zu beeinflussen, häufig stark von seiner Sympathie und Antipathie ab. Hier gewinnt nicht selten auch derjenige, der sonst der Religion und ihren Vertretern feindlich gegenüberstand, Achtung und ein persönliches Verhältnis zu dem Geistlichen, das schon manche Brücke geschlagen und manches Vorurteil beseitigt hat. Der Gefangene will nicht schematisch, sondern nach seiner Eigenart behandelt werden; das gilt bei uns Juden ganz besonders. Wie man von ihm nichts Unbilliges verlangen kann, so muß ihm sehr bald klar sein, daß auch er nichts Unmögliches erwarten darf. Aber man mag ihm kleine Sorgen, die ihm in der Einsamkeit seiner Haft, in dem Gleichmaß seines Lebens und seines Denkens zu großen Sorgen werden, abnehmen, mag die Verbindung mit der Familie wiederherstellen, für die Sicherstellung seiner wenigen Habe, die oft noch bei der Zimmerwirtin oder auf dem Bahnhof usw. liegt, sorgen, seine Papiere herbeischaffen, in der Anstalt, sobald man ihn und seine Fähigkeiten zu beurteilen imstande ist, die ihm angemessene und ihn befriedigende Beschäftigung ihm zu verschaffen versuchen, an den Feiertagen für Essen und Erleichterungen, im übrigen für Lektüre (allgemeine und jüdische Zeitungen, ebenso Bücher) sorgen. Um das richtige Bild vom Menschen zu gewinnen, empfiehlt es sich, nicht allein auf sein eigenes Urteil und seine Beobachtung und nicht auf die Akten sich zu verlassen, sondern von dem Rabbiner oder Lehrer des Heimatsortes oder einer anderen urteilsfähigen Person eine Schilderung des Menschen und seiner Umgebung, seiner Lage und seiner Lebensweise sich zu erbitten. Wo es nötig ist, sollte man gleichzeitig um die Familien am Orte oder in der Heimat sich bemühen, da die Sorge um sie, um ihre Existenz und um die gute Erziehung der Kinder und Geschwister auf viele Gefangene schwer drückt. Bei den Besuchen, die man dem einzelnen Gefangenen — am besten in seiner Zelle — macht, wird er gern „von draußen" sich erzählen lassen; wichtiger noch ist, daß ihm Gelegenheit und Anregung gegeben wird, von sich und denen, die ihm nahe stehen, von seiner Entwicklung und seinen Idealen und Plänen zu berichten, daß man mit ihm über die ihn interessierenden Fragen sich ausspricht. Hier wie in der Ansprache beim Gottesdienst sind Vorhaltungen und moralhafte Ermahnungen nicht angebracht. Man wirkt indirekt viel stärker. Die Pflege des Ehrgefühls, Erziehung zur Verantwortlichkeit, Stärkung des Willens, Erkenntnis des Erstrebenswerten, der Ehrgeiz, seinen Wert zu zeigen und Vertrauen zu rechtfertigen, üben oft einen gewaltigen Einfluß aus. Wir werden davon sprechen, 217