Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 10 (April 1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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RUNDSCHAU Jüdisch-soziale Schulungswoche (Ein Nachwort) Die jüdisch-soziale Schulungswoche, die von der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden in Gemeinschaft mit anderen führenden jüdischen Wohlfahrtsorganisationen in der Zeit vom 18.—23. März in Berlin stattgefunden hat, ist als ein bedeutungsvoller Versuch der beruflichen Schulung des jüdischen Sozialbeamtentums zu werten. Sie hat nach mancher Richtung hin erfreuliche Resultate gezeitigt und starken Anklang gefunden. Gerade um dessentwillen, im Interesse einer weiteren Ausgestaltung dieses Gedankens sind einige kritische Bemerkungen am Platze. Die Schulungswoche bewegte sich zwischen zwei Höhepunkten, dem einleitenden Vortrag von Frau Siddy Wronsky über „Neuzeitliche Wohlfahrtspflege" (Wandlungen der Ideen, Begriffe und Methoden) und der gedankenvollen Rede, mit der Herr Rabbiner Dr. Baeck die Schulungswoche schloß. In diesen zwei Vorträgen waren Bedeutung und Sinn einer solchen Schulungswoche scharf umrissen. Was aber an einzelnen Sachvorträgen dazwischen lag, entsprach nicht immer den Wünschen und Hoffnungen, die auf die Schulungswoche gesetzt wurden. Schon die Gruppierung der Vorträge war nicht immer glücklich, da sie die verschiedenen Arbeitsgebiete durcheinanderwarf und so die Hörer zwang, sich in jeder Stunde auf ein neues Thema umzustellen. Es wäre wohl praktischer gewesen, den Kursus in drei Hauptteile zu zerlegen. Gesundheitsfürsorge, Erziehungs- und Jugendfürsorge, Sozialpolitik und jedes dieser Gebiete in den Einzelfragen ineinandergreifend zu behandeln. Dadurch wäre in einem viel größerem Umfange die Kontinuität der Vorträge gewahrt worden, und die Anforderungen, die an den Hörer gestellt wurden, wären geringer gewesen. Handelt es sich hier um eine rein technische Frage der zeitlichen Verteilung der verschiedenen Stunden und ihrer Zusammengehörigkeit, so hat eine andere Frage wohl mehr grundsätzliche Bedeutung, und zwar, ob im Rahmen einer solchen jüdisch-sozialen Schulungswoche mehr auf Fragen allgemeinen Inhalts oder auf Fragen der jüdischen Arbeit Bezug genommen werden soll. Nicht zu Unrecht beklagten sich verschiedene Teilnehmer, daß sie für ihre spezifisch jüdische Arbeit viel zu wenig Anregung empfangen haben, und daß ein Teil der Vorträge in keinerlei Zusammenhang mit den Problemen der jüdischen Arbeit stand. Wenn vorausgesetzt wird, daß der größte Teil der jüdisch-sozialen Arbeiter über die allgemeinen Voraussetzungen der Arbeit unterrichtet ist, so wäre es die Aufgabe einer jüdischen Schulungswoche, die jüdischen Seiten unserer Arbeit mehr hervorzuheben und sie in das richtige Verhältnis zur allgemeinen zu stellen. Dies ist leider bei vielen Referaten nicht geschehen und wird ebenfalls bei späteren Veranstaltungen wohl in größerem Umfange berücksichtigt werden müssen. Aus dieser Bemerkung soll weder den Einberufern noch den Vortragenden ein Vorwurf gemacht werden, sie rührt vielmehr an den Umstand, daß das ganze Problem des theoretischen Unterbaues jüdischer Wohlfahrtspflege bis heute kaum erörtert wurde; die prinzipiellen Grundfragen jüdischer sozialpolitischer und wohlfahrtspflegerischer Arbeit sind kaum gestellt, geschweige einer Klärung nähergebracht worden. Bevor diese Arbeit nicht geleistet ist, bevor nicht auf jedem Teilgebiet gezeigt wird, wo die allgemeinen Fragen enden und die jüdischen beginnen, solange wird jeder Schulungskursus ein gewisses Gefühl des Unbefriedigtseins zurücklassen müssen. Hier liegt eine Grundaufgabe für die zentrale Wohlfahrtsorganisationen, zu deren Lösungsversuch sie verpflichtet sind, und dem sie sich auf die Dauer auch nicht werden entziehen können. Für die Zukunft wird auch erörtert werden müssen, ob es für einen Schulungskursus sinnvoll ist, die einzelnen Sachgebiete immer in ihrer Ganzheit aufrollen zu lassen. Die kurze, dem einzelnen Referenten zur Verfügung stehende Zeit verbietet dann ein Eingehen auf Einzelfragen und auf die Details der praktischen Arbeit, so daß die Auswertung eines derartigen Kursus nicht immer gesichert erscheint. Die Kursteilnehmer wollen aber neben 205