Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 10 (April 1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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den. Nein. Ueber die Primitivität schwerkapitalistischer Wirtschaftsauffassung hinaus bildet sich das Gerippe eines neuen größeren Wirtschaftsgedankens. Politische und wirtschaftspolitische Nöte des eigenen Landes, Europas und der ganzen Welt legen Breschen in Mauern. Die Gattung Mensch altert nicht. Mit sich immer erneuernder Kraft schreitet sie über Geröll dem leuchtenden Morgen zu. Und der Morgen des morgen ist eine gesündere Wirtschaftsordnung. Aus sich selbst heraus muß die Wirtschaft die Kraft zur Lösung sie bedrohender sozialer Fragen finden. Die Kraft zur Anwendung des Kantsehen Freiheitsbegriffes „der Bindung durch die Pflicht", dann ist Zwang nur noch Zwang für den, der sich zum Mittelpunkt aller Dinge macht. Jetzt reagiert die Wirtschaft auf das Wort Zwang hysterisch und zeigt den Popanz Zwangswirtschaft der Kriegs- und Nachkriegsjahre unseligen Angedenkens. Sie vergißt, daß diese Zwangswirtschaft nur die Folge des Krieges noch unseligeren Angedenkens war. Des Krieges, mit dem Wirtschaften aller Länder auf Teufel komm' raus spekuliert haben und jetzt wieder die amerikanische Wirtschaft mit nettem Augenaufschlag mit dem Krieglein in Nicaragua. Freiwillige Auferlegung des Zwanges aus Pflichtgefühl, aus der Kenntnis der Verantwortlichkeit für alle heraus ist genau das Gegenteil des anderen Zwanges. Es ist der Beweis für die Ordnungskraft eines Volkes und die Fähigkeit, Suppen auszulöffeln, die man sich eingebrockt hat. Ob aber die Wirtschaft nicht doch dem Zwang erliegt? Solange die wirtschaftsführenden Kreise so leben können, wie sie heute wieder leben, erliegt sie nicht. Und, wie kurzsichtig! Als ob nicht jede sinnvolle Lösung einer sozialen Frage auch Wirtschaftsaufstieg bedeutet! Und Sinnvolles wollen wir nur. Die Wirtschaft zwingen, den Menschen wieder Raum und Brot zu geben, die sie ohne den Grund der Leistungsfähigkeit vom Arbeitsmarkte ausschließt. Der Unternehmer soll auch wTeiter wählen können, mit wem er arbeiten will. Aber er soll einen bestimmten Prozentsatz, die für ihn arbeiten sollen, aus dem Kreise derer über 40 jähre nehmen müssen. Das ist alles — und soll unbillig sein! Alles Große ist einfach. Im Ausschnitt zeigt sich die Welt. Betrügt Euch und die älteren stellenlosen Angestellten nicht mit Hoffnungen und etwas von ungefähr. Eine hellsichtige Wirtschaft würde erkennen, daß es Krisenzuckungen sind, wenn eine psychologisch und sozialpolitisch so kurzsichtige Einstellung Platz greift, wie sie den stellenlosen älteren Angestellten gegenüber vorliegt. Sie würde fühlen, daß es ihre Aufgabe ist, diesen Zustand zu beseitigen, und sich schämen, das bis jetzt noch nicht besser gelöst zu haben. In die Hand des Reichstages ist es jetzt gegeben, den „älteren Angestellten" durch die Verabschiedung eines Gesetzes über die Einstellungsverpflichtung wirklich zu helfen! 204