Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 10 (April 1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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wir, weil es möglich ist und wenigstens die Aeltesten der Aelteren vor der Verzweiflung bewahren kann. Abdrängung des Nachwuchses. Das ist der beste Riegel für die Zukunft. Den jetzt auf der Straße liegenden Stellenlosen ist damit aber auch nur wenig gedient. Die Denkschrift des RAM sagt: „Die Jugend hat das traurige Berufsschicksal der älteren Angestellten miterlebt" und weiter: „Die gesetzliche Grundlage (für die beste Auslese) soll das Berufsausbildungsgesetz bringen, dessen Entwurf dem vorläufigen Reichswirtschaftsrat und dem Reichsrat vorliegt.'4 Schön! So denkt das RAM. Die deutschen Arbeitgeber denken anders. Sie sehen keine Notwendigkeit, das Berufsausbildungsgesetz auf den Angestelltennachwuchs auszudehnen. Auf der einen Seite hören sie achselzuckend das Lied von der Not der älteren stellenlosen Angestellten an, sobald aber Schutz des Nachwuchses durch Festsetzung von Lehrling s - höchstzahlen und schärfste Bekämpfung der Lehrlingszüchterei verlangt wird, decken sie schützend beide Hände über jeden einzelnen von ihnen, sprechen von Ausnahmen, die sie natürlich nicht billigen, und warnen in Orakeltönen vor jedem Eingreifen in die dreimal geheiligte „Freiheit der Wirtschaft". Das ist eine geistige Katastrophe. Dieses quallige Scheusal „Freiheit der Wirtschaft", das ist ein richtiger Götzendienst. Da werden Hochschutzzölle gefordert und Handelsverträge sabotiert. Einmal von der Industrie, das andere Mal von der Landwirtschaft. Da werden Kartelle, Trusts und Syndikate errichtet, daß sich selbst die eigenen Bundesgenossen (siehe verarbeitende Industrie gegen Schwerindustrie) aufbäumen. Da entstehen aus tausend Einzelbetrieben ungeheure Besitzkonzentrationen in den Händen an Zahl immer weniger und an Wirtschaftsmacht immer stärker Werdender. Da spricht man von Freiheit des Handelns und schreibt dem Händler für Markenartikel einfach die Preise vor, zu denen er verkaufen muß. Unter Strafandrohung! Da boykottiert man den eigenen Genossen, wenn er aus der Reihe springen will. Da wirft man überhastet, überspannt und rücksichtslos arbeitswillige und arbeitsfähige Menschen als Aeltere aus den Betrieben und verjüngt im dämonischen Organisationstaumel alles bis auf sich selbst. Der herausgeflogene Aeltere darf die Markenmargarine natürlich bis zum letzten Groschen weiter mit einer Rentenmark bezahlen, auch wenn sie für den Händler schon für 0,80 Rentenmark verkäuflich wäre. Das ist die Freiheit der Wirtschaft! Der Fetisch, den man anbetet, weil man seine Wirkung auf die sogenannte Oeffentlichkeit kennt. Das Sakrament des kleinen Unternehmers, der stolz ist. sich zu denen zählen zu können, die daran teilhaben. Entweder unsere heutige Wirtschaft ist ein Treibhausgebilde, oder sie trägt den Entwicklungskeim zu einer neuen höheren Wirtschaftsordnung in sich. Wenn nicht, wären wir ja als Volk kulturell und auch wirtschaftlich zum Tode verurteilt, und alle Möglichkeiten der Wirtschafterei müßten als ausgeschöpft betrachtet wer- 203