Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 9 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Spielraum. Was aber im Altertum und im Mittelalter galt, hat heute in erhöhtem Maße seine Berechtigung. Die Notwendigkeit der organisierten Wohlfahrtspflege ist mit dem Wachsen der Gemeinden für diese und mit der Steigerung des Verkehrs für größere Bezirke (Länder und Reich) immer stärker hervorgetreten und wird von keinem Einsichtigen mehr geleugnet. Die Gemeinschaft, die den gesamten Notstand übersieht, kann zweckmäßiger und wirksamer helfen als der einzelne. Der soll seine Steuer und seine Spende ruhig der Organisation anvertrauen. Die Organisation wird den einzelnen aber nicht nur als Spender brauchen, sondern auch — umsomehr, je weiter sie ihren Aufgabenkreis steckt — als persönlichen Mitarbeiter. Nirgends können und sollen beamtete Kräfte die ganze Arbeit leisten. In einer gut organisierten Wohlfahrtspflege wird für die Betätigung freiwilliger Kräfte, die „das Herz dazu treibt", stets Raum sein. RUNDSCHAU Das Recht auf Arbeit (Boykott judischer Angestellter — Kundgebungen des Central Vereins und der Berliner Gemeinderepräsentanz) In diesen Blättern ist im Juli 1927 anläßlich der Tagung der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge zum ersten Male in aller Oeffentlichkeit von dem sich immer stärker bemerkbar machenden Boykott jüdischer Arbeitnehmer berichtet worden. Seither wurde fast in jeder Nummer auf diese gefährliche Tatsache hingewiesen. Auch an Vorschlägen zur Abhilfe und an Forderungen, dieser Erscheinung entgegenzutreten, hat es nicht gefehlt. Es ist deshalb erfreulich, festzustellen, daß es diesen unausgesetzten Bemühungen gelungen ist, das Interesse der weitesten jüdischen Oeffentlichkeit für diese so ungeheuer schwierige und gefährliche Frage wachzurufen. In wenigen Tagen ist an zwei Stellen, denen besondere Bedeutung zukommt, ausführlich und in aller Oeffentlichkeit das so schwierige Problem des jüdischen Arbeitnehmers und der Tatsache seiner Verdrängung vom Arbeitsplatz behandelt worden. Auf der Tagung des Central Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sprachen Staatssekretär Prof. Dr. Julius Hirsch über Wirtschaftsprobleme der deutschen Juden und Dr. Norbert Einstein über das Wirtschaftsprogramm des Centraivereins. In beiden Vorträgen kehrte die Feststellung über den Boykott jüdischer Angestellter immer wieder, und beide Referenten gaben der Meinung Ausdruck, daß diesem Boykott mit schärfsten Mitteln entgegengetreten werden muß. Wenige Tage später fand in der Repräsentanten-Versammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde eine Aussprache statt, die ebenfalls dieser Frage gewidmet war. Die Redner aller Fraktionen waren übereinstimmend der Meinung, daß die Existenz eines Boykotts gegen jüdische Arbeitnehmer gar nicht mehr bestritten werden kann. Es wurde auch wiederholt unterstrichen, daß diese Boykottbewegung leider auch jüdische Arbeitgeber ergriffen hat. Der Boykott des jüdischen Arbeitnehmers steigert die Zahl der jüdischen Arbeitslosen, da sie im Verhältnis zu den anderen Arbeitslosen bei der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle neben den wirtschaftlichen Schwierigkeiten auch den Schwierigkeiten gegenüber stehen, die in ihrer Abstammung liegen, die sie nach der Meinung gewisser nichtjüdischer, aber auch jüdischer Unternehmer für bestimmte Arbeiten nicht qualifiziert genug erscheinen läßt. In der Debatte der Gemeinderepräsentanz geißelten alle Redner diesen Zustand und forderten Abwehr gegen die Boykottbewegung und Maßnahmen zur 188